Artikel

(10.06.2017 – Gebogen)

Daniel Wagner

Als ich klein war solltet ihr mich formen und nicht verbiegen. Fast gebrochen unter der Last der Worte, gewunden unter der Last der Aufgaben, verbogen um euch zu gefallen. Gedreht in die Richtung die euch hätte gefallen können. Immer weider gedreht mit dem Ziel zu werden was euch gefällt. Diese Schreie an Kinderohren, meine Seele schon früh verloren Nie erreicht euer hohes Ziel, Worte, Last und Drohungen waren zu viel. Wild gedreht und nur verbogen, heile Kindheit ist gelogen. Habt ihr niemals es geschafft mich zu biegen wie es passt.
Heute hab ich Rückenschmerzen, kalt ist es im Kindesherzen. Kann mich selbst nicht wirklich lieben, hab dadurch schon viele Menschen vertrieben. Sehe euch mit anderen Augen, keinem von euch kann ich noch glauben. War es denn in eurem Sinn das ich einsam heute bin? Eins muss ich euch ehrlich lassen, kann es kaum in Worte fassen, schöne heile Kinderwelt, in meinen Gedanken komplett zerstört.

Fotograf und Bildbearbeitung: Daniel Wagner
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasg


(20.06.2017 – Gedanken)

newpix The woman next door

Manchmal lese ich, dass die Betroffenen ihren Depressionen dankbar sind, weil sie sonst nicht da wären, wo sie jetzt sind.

Wo sind sie denn jetzt?
Ich bin seit Jahren in meinen eigenen Grenzen gefangen, zu unflexibel oder zu engstirnig um meinen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Sehr oft von Dunkelheit umgeben, wobei es die Freude in meinem Leben nicht mehr an die Oberfläche schafft.
Liebe?
Ja, ich glaube Liebe ist noch vorhanden.
Liebe für meinen Mann, meinen Sohn, meine Familie. Sie geben ganz viel Liebe zurück, die mein Herz nicht erreicht. Es ist wie: Sie lächelt aber das Lächeln erreicht ihre Augen nicht. Ich setze die Lächel Maske auf, damit ich mein Gegenüber nicht belaste, damit mein Gegenüber nicht in meine Dunkelheit hinein gezogen wird, damit ich nicht gefragt werde, wie es mir geht – was denn los sei oder um mich vor Ratschlägen zu schützen.
Wie es mir geht?
Ich versuche zu überleben, für meinen Mann und für meinen Sohn, jeden Tag. Vielleicht, wenn man die Depression überwunden hat,  wenn man die innere Leere füllen kann, wenn sich die Dunkelheit erhellt, wenn sich ein Gefühl der Zufriedenheit einstellt, vielleicht ist man dann seiner Depression dankbar?

Werde ich dieses Gefühl, diesen Zustand jemals erreichen können?
Ich weiß es nicht!

Fotograf und Bildbearbeitung: newpix
Text: Beate Schrader
Model: The woman next door
https://www.facebook.com/thewomannextdoormodel/?fref=ts


(21.06.2017 – Die Vorfahren)

SilentHarmony Photography 2

Immer wieder begegne ich in meinem Leben Menschen, die ihre Vorfahren für Dinge verantwortlich machen, die in ihrem Leben nicht so gelaufen sind, wie sie es gerne gehabt hätten. Die viel erlebt haben und sagen, sie hätten negative Dinge erlebt und sind deshalb heute so, wie sie sind. Sie suchen die Verantwortung in der Vergangenheit, weil sie selbst nicht die Verantwortung für sich und ihr Handeln übernehmen möchten. Meine Antwort darauf ist stets dieselbe, denn das ist meine feste Überzeugung: “Du bist jetzt erwachsen, hast die Dinge selbst in der Hand und kannst über deine Zukunft entscheiden.
Wenn dich etwas stört, dann ändere das, anstatt dich aus der Verantwortung zu ziehen und darauf auszuruhen, dass dir in dieser Hinsicht nicht die optimalen Bedingungen den Weg bereiteten. Natürlich ist das schwieriger, aber du hast nun die Chance etwas zu verändern!” Ich denke, es geht nicht nur um die eigenen Kinder, sondern um das Hier und Jetzt und um die nachfolgenden Generationen. Wenn jeder in seinem Umfeld das tut, was er für richtig hält, Werte hat und diese vermittelt, Dinge in die Hand nimmt und ändert, andere Menschen so behandelt, wie er/sie selbst es sich wünscht behandelt zu werden, dann wären wir ein ganzes Stück weiter und würden die Entwicklung vorantreiben und für nachfolgende Generationen als Vorbilder fungieren.
Wenn diese dann Ähnliches tun und natürlich gibt es da verschiedene Überzeugungen und Möglichkeiten, aber das ist das Gute an Veränderung und Entwicklung- dann geht es voran. Niemand kann und wird allein die Welt retten und dafür sind die Menschen auch zu verschieden, sodass es keine Lösung gibt, die für alle Menschen adäquat wäre. Aber aus den Erfahrungen der Vorfahren zu lernen und Dinge zu verändern, die uns gestört und negativ beeinflusst und Spuren hinterlassen haben, kann unsere nächsten Generationen davor bewahren, dass dieselben Fehler erneut gemacht werden.

Fotograf und Bildbearbeitung: SilentHarmony Photography
https://www.facebook.com/SilentHarmonyPhotography/?fref=ts
Text: Alena


(22.06.2017 – Zeitflug)

Model NN 114

Hallo mein Freund, ich bin gekommen, um mit Dir zu reden. Wie lange kennen wir uns schon, sind es 30 Jahre, 32 oder 36? Oft war ich zu Besuch, hauchte deinen Gedanken Leben ein. Brachte dir Gedankenfetzen, Ideen und setzte die in deinen Kopf. Es gab Zeiten, da war ich nicht da, kam selten vorbei, und wenn Du mir die Tür geöffnet hast, sagtest Du mir “Nur kurz ich habe keine Zeit” seit gut 2 Jahren ist es anders, ich komme, wann ich will, habe einen Schlüssel zu deinem Heim. Seit 2 Jahren habe ich deine Welt grau gemacht. Gefällt es Dir? Teilweise war auch schwarz dabei, ich habe für Dich gesorgt, habe Menschen aus Deinem Leben entfernt und alles konntest Du hinterfragen. Du Konntest durch mich Menschen verlassen, Dich zurückziehen und schreiben. Ja mein Freund ich habe Dir das, schreiben beigebracht, schon als Kind war ich da, erinnerst Du dich an die kleinen Gedichte und Geschichten? Wenn ich daran denke habe ich Tränen im Auge, Du warst auf einem solch guten Weg.
Deine Gedanken waren dort schon so dunkel und vor Kurzem war es wieder so. Vor Kurzem mein Freund war ich glücklich, Du hast mich glücklich gemacht und kurz vor dem Ziel, willst Du mir die Tür vor der Nase zuschlagen? Nein mein Freund zu viel Kraft, Zeit und Nerven habe ich investiert, ich habe alles daran gesetzt, um es Dunkel werden zu lassen. Nun kommst Du auf die Idee, dass die Welt schön ist, dass es Dinge gibt, die dir gut tun. Dass Du die Vergangenheit, die ich erfolgreich als die Bremse für dein Leben einsetze, endlich beendet sein muss. Diese Schreibweise von Dir gefällt mir nicht, nimm deine Maske und lebe im Dunkel. Niemand mein Freund mag Dich, ich bin der Einzige, der immer da war. Nimm die Fetzen an Gedanken und denke sie weiter. Schau aus dem Fenster, siehst Du, wie trübe der Tag ist, wie die Bäume ächzen unter dem Druck des Sturms? Ja genau, halt nein ich meine nicht die blauen Stücke Himmel, die der Wind in die Wolken reißt, nein auch nicht die Sonne, nein halt bleib hier, geh nicht zum Fenster. Wo willst Du, Du kannst nicht einfach gehen …
Bleib hier, ich brauche Dich …

Fotograf und Bildbearbeitung: Dirk Ludwig Fotografie
https://www.facebook.com/dirk.ludwig.fotografie/
http://dirk-ludwig.de/
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasgestern/


(23.06.2017 – Angst)

Wolfgang Honzejk ArtFotografie 11

Der ein oder andere hat es vielleicht auch erlebt: du liegst am Boden, glaubst dein Ende naht. Aber irgendwie berappelst du dich doch wieder. Sortierst die Scherben, entrümpelst dein Leben, fängst an die Zukunft wieder in Farben zu sehen anstatt schwarz/weiß.
Und dann ist diese Zukunft da. Genau die, auf die du jahrelang hingearbeitet und gefiebert hast. Und plötzlich ist die Angst wieder da.
Also wird die Maske wieder aufgesetzt. Die Maske der freundlichen, motivierten und selbstbewussten Mitarbeiterin. Einer Mitarbeiterin, die weiß, was sie in kürzester Zeit noch lernen muss und überzeugt ist, dass sie das mit Leichtigkeit schafft.
Aber das bin ich nicht. Diese Mitarbeiterin trägt meinen Namen. Ihre Maske sieht aus wie mein Gesicht. Ansonsten haben wir nichts gemeinsam. In meinen Augen blitzt kein Selbstbewusstsein. In meinen Augen ist nur Angst. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst, nicht schnell genug zu lernen. Angst zu scheitern. Und vor allem Angst entdeckt zu werden. Angst, dass jemand hinter die Maske sieht.
Also bin das doch ich mit dieser Maske? Ich weiß es nicht. Wer ich bin? Gerade weiß ich es nicht.

Fotograf und Bildbearbeitung: Wolfgang Honzejk ArtFotografie
https://www.facebook.com/WHArtFotografie/?fref=ts
Text: Britta Hohmann


(25.06.2017 – Solche und solche Tage)
(TRIGGERWARNUNG Suizidgedanken)

HeartMirror Photography 20

Es gibt solche Tage, da scheint mir die Welt zu Füßen zu liegen. Das Aufstehen fällt leicht, alle Pflichten auch. Probleme sind Herausforderungen, die mir Spaß machen, mir die Möglichkeit zum Wachsen geben. Alles ist spannend. Alles ist leicht und bunt. An solchen Tagen scheint es fast, als würde ich durchs Leben tanzen. Was sind noch mal Depressionen? Ich kann mich kaum erinnern.

Aber es gibt auch andere Tage. Tage, an denen mich irgendetwas in ein tiefes Loch zieht. Meistens scheinbar grundlos. An diesen Tagen scheint es fast unmöglich aufzustehen, zur Arbeit zu fahren, etwas Sinnvolles zustande zu bringen. Menschen sind an diesen Tagen die reinste Hölle. An solchen Tagen ist alles grau.

An diesen Tagen hat das Leben keinen Reiz. Selbst die kleinsten Schwierigkeiten lassen mich klein wirken, wachsen mir über den Kopf, überrollen mich. Mir selbst etwas zutrauen? Mir selbst vertrauen? Unmöglich! Bloßes Existieren meiner selbst ist schon zu viel. Meine Pläne, Wünsche und Träume? Meine Zukunft? Unerreichbar!

Aber irgendwann an solchen grauen Tagen schaue ich auf mein Handgelenk, auf mein kleines Semikolon, dass ich mir vor zwei Jahren habe stechen lassen.

Ich habe versprochen, nicht aufzugeben. Habe es vor allem meinen Eltern ganz fest versprochen. Versprochen ein Semikolon zu setzen und weiter zu machen, anstatt einen Punkt am Ende. Wenn ich aufgebe, dann ist da niemand mehr, der für sie stark ist, wenn sie es nicht sein können. Ich darf nicht aufgeben!

Also mache ich weiter. Immer weiter. Und irgendwann wird’s besser. Irgendwann plötzlich tanze ich wieder durchs Leben. Mich selbst mehr an dieses Leben zu binden, das ist das Ziel.

Ich bin auf dem Weg. Und ich werde ihn gehen. Ein Stück ist bereits geschafft.

Fotograf und Bildbearbeitung: HeartMirror Photography
https://www.facebook.com/heartmirror.photography/
Text: Britta Hohmann
Model: Chrissy Gaß


(28.06.2017 – An alle, die glauben ein Recht auf eine Meinung zu haben:)

HeartMirror Photography 21

Ich habe keine Lust mehr, mir anzuhören, ich sei komisch, weil ich am allerliebsten zu Hause bin. Ich habe auch keine Lust mehr mir anzuhören, ich müsse dringend wieder in Therapie. Ich habe keine Lust mehr mir anzuhören, ich sei bald wieder die Alte. Ich habe keine Lust mehr mir anzuhören, ich sei bestimmt bald wieder voll belastbar. Ich habe keine Lust mehr mir anzuhören, dass ich keine Kinder bekommen sollte, weil ich das nicht schaffen würde. Ich habe keine Lust mehr mir anzuhören, ich sei faul, weil ich nur in Teilzeit arbeiten möchte.

Ich habe in den letzten Jahren viel erlebt und noch mehr erreicht. Zuerst eine qualvolle Scheidung. Nachdem ich dann auch noch durch meine Erkrankung meinen Job verlor, habe ich drei intensive und schwere Monate in einer psychosomatischen Tagesklinik verbracht. Daran schlossen noch unzählige weitere Therapiestunden an. Dass alles war mit Sicherheit kein Spaziergang. Vor kurzem habe ich eine Umschulung abgeschlossen, die selbst viele “Normale” nicht schaffen zu beenden. Eine tolle Teilzeitstelle habe ich auch gefunden, angetreten und fühle mich da sehr wohl. Ich habe mir die letzten Jahre eine stabile und wunderschöne Beziehung aufgebaut. Seit dem letzten Jahr leben mein Partner und ich zusammen. Vieles in mir und in meinem Leben hat sich in den letzten Jahren verändert, das meiste zum Guten.

Aber soll ich euch was sagen? Ich will gar nicht mehr die Alte sein, will gar nicht mehr “normal” sein. Was bringt es mir, Vollzeit zu arbeiten? Mehr Geld. Schön. Und Stress, schlechte Laune und weniger Lebensqualität. Ob ich mich wieder in therapeutische Behandlung begeben muss oder nicht, dass entscheide ich allein, aber mit Sicherheit niemand, der mich nur “normal” bekommen will. Warum soll ich meine Freizeit nicht lieber zu Hause verbringen als in irgendwelchen Clubs und Diskotheken, wo doch eh alles mehr Schein als Sein ist. Menschen sind für mich nun mal anstrengend. Auch Familie und Freunde. Ist halt so.

Mit welchem Recht sagt mir jemand, wie ich mein Leben zu führen habe oder welche Vorlieben und Abneigungen ich haben darf? Ich will doch gar nicht mehr so sein wie ihr! Ich war so, und es hat mich fast umgebracht! Ihr kennt meine Geschichte doch gar nicht. Im besten Fall kennt Ihr Bruchstücke daraus. Mit welchem Recht bildet ihr euch eine Meinung über mich? Erlebt, was ich erlebt habe. Fühlt, was ich fühlen musste und denkt, was mein Kopf denken musste. Spürt die ständigen Kopf- und Magenschmerzen, das Herzrasen, die bleierne Müdigkeit, die Sehstörungen und die Hoffnungslosigkeit. Und dann leistet, was ich geleistet habe in knapp 31 Jahren. Durchlebt eure schlimmsten Erinnerungen in Therapien und Gesprächen immer und immer wieder. Und zwar alles. Dann können wir auf Augenhöhe reden.

Ich will doch gar nicht mehr funktionieren. ICH WILL LEBEN!!!!

Fotograf und Bildbearbeitung: HeartMirror Photography
https://www.facebook.com/heartmirror.photography/
Text: Britta Hohmann


(05.07.2017 – Gedanken:)

Cynthia Berger

Ein Mensch tötet andere Menschen. Die Nachrichten berichten. Alles wird versucht über den Mörder rauszufinden und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Und dann kommt es. Depression. Der Mensch leidet/litt an Depressionen. Und dann ist der Stempel da. Ein Mensch tötet andere Menschen wegen seiner Depression. Es erschreckt mich.

Wie geht das? Mit den Symptomen einer Depression? Es ist mir unbegreiflich. Und ich selbst leide doch auch an Depressionen? Werde ich irgendwann auch als Mörder abgestempelt? Hat sich irgendjemand in diesen Nachrichtenagenturen jemals mit den Symptomen einer Depression beschäftigt?

Dann Frage ich mich – bei so vielen Ungerechtigkeiten geht ein riesen Aufschrei los. Und hierbei nicht? Bin ich etwa die Einzige, die das bemerkt hat? Oder sind wir Depressiven zu leise?

Warum sind überhaupt die Symptome einer Depression so unbekannt???

Fotograf und Bildbearbeitung: Cynthia Berger
Model und Text: Cynthia Berger


(06.07.2017 – Die Gesichter der Depression)

Marcus Staab Photographie

Die Gesichter der Depression sind erst einmal fremd. Ich fühlte mich zwar immer beobachtet aber konnte niemanden sehen. Also machte ich mich lustig und alberte rum, wenn ich der Annahme war mir schaut jemand über die Schulter. Wenn mein Umfeld mich auf veränderte Verhaltensweisen an mir aufmerksam machte, belächelte ich es und achtete nicht weiter drauf. Ich parkte es in Schubladen, wie die der Müdigkeit, Eisenmangel, Hormonveränderungen, Arbeitsstress oder der Überforderung durch Haushalt, Kinder, Familie, Ehe, Freunde und meinem Alter. Ich bemühte mich allen gerecht zu werden, doch dafür war ich nicht schnell genug.

Die Beschwerden und die Unzufriedenheit, der anderen, häuften sich und legten sich wie ein Kettenhemd um mich. Ich bemerkte erst leichte körperliche Beschwerden, dann wurden sie massiver und belasteten mich zunehmend, denn alle Ärzte diagnostizierten mir körperliche Gesundheit und so überdeckte ich alles mit Masken. Meine erste Maske setzte ich für alle Familienmitglieder auf. Eine neue Maske, speziell für meine Familie (Eltern und Geschwister). Dann kam die Schwiegerfamilie, meine eigene Familie (meine Kinder, mein Ehemann), die Großeltern, die Tanten und Onkel, die Freunde, Bekannte usw. Ich hatte für alles und jeden eine passende Maske und mit der Zeit verschmolzen sie mit mir. Ich erschuf mich neu und allen gefiel es. Alle waren zufrieden, bis begeistert. Bis es anfing mich zu verschlingen.

Die Belastung bekam Blüten in Form von Verhaltensauffälligkeiten und wenn ich ihre Bemerkungen hinterfragte, maßregelten sie mich, begehrten mich, haben mich geschnitten, weil ich ungerecht wäre, nachlässig, dumm, naiv, unkontrolliert, egoistisch, rücksichtslos und ohne Mitgefühl. So stellte ich mir selber meine erste Frage: “Bin ich nicht mehr normal?” Fragen auf Fragen folgten und weil mir keiner eine verständliche Antwort gab, beantwortete ich sie mir selber. “Ja, ich bin ungerecht, egoistisch, nehme wenig Rücksicht und will meinen Kopf durchsetzen. Ich bin tatsächlich so, wie mir nachgesagt wird und das werde ich abstellen. Ich muss wieder normal werden. Ich muss mich ändern und verändern. Ich muss mich anpassen, denn ich will zu ihnen gehören. Ich will nicht außen vor sein. Sie sind mein Leben und sie wollen es so!”

So schuf ich das Portal für die Gesichter der Depression und öffnete gleichzeitig alle Pforten meines Unterbewusstseins und wurde überrannt. Ich sah die Anzeichen der Depressionen und sie machten mir Angst, denn sie brachten den Schrecken mit. Das Misstrauen, denn ich zweifelte plötzlich an allem, weil ich mit Lügen und Intrigen konfrontiert wurde. Die Wahrheiten bekamen Risse und ich konnte sie sehen, hören, schmecken, spüren, fühlen, empfinden. Ich erkannte die Sensibilität in mir und bald schon an mir. Waren es meine ersten Lügen? Waren es meine falschen Vorstellungen? Habe ich mir diese Geschichten ausgedacht und warum?

Wenn die Gesichter Gestalt bekommen, dann wird das Ausmaß der Depression langsam sichtbar und beginnt sich zu spalten. Sie bringt die schlimmsten und schrecklichsten Erinnerungen und Eigenschaften ans Licht und ich erkannte die Ungerechtigkeit, die Nachlässigkeit. Das falsche Spiel mit mir und die Ängste überfielen mich, mit denen die anderen jonglierten. Ich hatte Knöpfe in mir, von denen ich nicht einmal ahnte, die anderen es aber wussten und gedrückt wurden. Sie wurden benutzt und das ich tanzte nach ihrem Willen. Ich wollte nichts verlieren, selbst wenn ich erniedrigt, gedemütigt, beleidigt, beschimpft, ausgenutzt und geschlagen wurde. Ich wollte nicht verlassen werden, verstoßen werden und erkannte den Ursprung.

Es lag noch im Verborgenen und würde mich bald finden. Niemand wird als „das Böse“ oder als „das Schlechte“ geboren, aber das Umfeld beeinflusst den Lebensweg und dann, eines Tages, trug ich die Verantwortung für mein Leben. Geformt nach den Vorstellungen der Menschen, die mir am nächsten waren. Geschmiedet nach den Bedürfnissen, denen ich vertraute. Ausgerichtet nach den Wünschen, mit denen ich zusammenlebte und eingerichtet nach dem Verlangen einer männlichen Person, die ich nur als meinen Erzeuger benennen kann.

Ich trug Verantwortung und wusste nicht mit ihr umzugehen. Ich war unselbstständig, weil ich zur Disziplin gedrillt wurde, doch diese Disziplin behinderte meine Entscheidungen. Ich wusste nie, was gut oder schlecht war. Ich wusste nie, wo der Anfang oder das Ende war. Fing ich etwas an, wollte ich es genauestens zum Abschluss bringen und wurde dafür ausgenutzt, bis ich nutzlos wurde und das Ende nahm mir die Motivation für etwas anderes. Es war mir nicht klar, aber schon damals hatte ich eine gespaltene Persönlichkeit.

Mein Leben und die Wege die ich ging waren schmutzig, sehr schmutzig und hinterließen Eindrücke, die ich nicht beschreiben will. Auf der Suche nach Anerkennung, Geborgenheit, Liebe, Zuneigung, Verständnis, einem Zuhause, nach Freuden, Frieden und Ruhe, habe ich viel erlebt und durchlebt. Ich war auf den höchsten Gipfel der Erlebnisse und in den tiefsten Schluchten der Eindrücke. Ich erlebte den Schmerz in all seinen Facetten und seiner Intensivität und ich tat fast alles, um zu überleben.

Ob alles richtig war? Bestimmt nicht!
Ob alles gesund war? Bestimmt nicht!
Ob alles seinen Zweck erfüllte? Bestimmt nicht aber ich lernte aus allem und unbewusst machte es mich stark, denn die schmerzhafteste Zeit stand mir noch bevor und hätte ich es auch nur geahnt, wäre ich den Weg nicht gegangen. Ich wurde mit den leibhaftig gewordenen Gesichtern der Depression konfrontiert.

Fotograf und Bildbearbeitung: Marcus Staab Photographie
https://www.facebook.com/Marcus-Staab-Photographie-1375948…/
Text: Gitte Vowi


(07.07.2017 – Lichtbringer)

Kathleen Pfennig Bb point nommé M Unleashed_mysterious

“Sie sind ein Lichtbringer”,
“Sie strahlen soviel Freude aus”, “… mein guter Engel”

Ich???

Wie kann das sein? Bin ich so verlogen? So eine gute Schauspielerin?

Ich arbeite in einer Seniorenresidenz und das wirklich mehr als gern! Diese Menschen sind “meine Lichtbringer”!
Wie kann ich also, mir so wichtig gewordene Menschen, belügen?

Ganz einfach, auch wenn es nicht einfach war, es zu verstehen, hat mir meine Therapeutin auf die Sprünge geholfen:
Jeder von uns ist nicht nur dieser eine, depressive Mensch. Jeder hat mehrere Seiten.

Ich kann also durchaus auf der Arbeit strahlen, gelöst und zufrieden sein, mich nicht so schnell stressen oder aus der Ruhe bringen lassen. Ich kann einfach glücklich und zufrieden sein, selbst wenn es oft nur in diesem Zeitfenster, vom Betreten bis zum Verlassen der Einrichtung, ist. Selbst wenn ich vorher tief betrübt bin und mich hinterher zu Hause verkriechen.

Wichtig: Ich kann es!!! Ich bin es, für andere ein Lichtbringer!!

Und irgendwann wird auch das Zeitfenster immer größer!

Fotograf: Kathleen Pfennig
Bildbearbeitung: point nommé
https://www.facebook.com/point-nomm%C3%A9-796772623751332/…
Text: Jen
Model: Unleashed_mysterious
https://www.facebook.com/Unleashed_mysterious-147129047645…/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.