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(04.08.2017 – Schwimmen)

Anita Paukner 2

Du kannst nicht schwimmen, fragte mich irgendwann meine Tochter. Meine Antwort war zurecht gelegt und einfach. Doch, natürlich kann ich schwimmen, aber ich gehe nie weit rein. Tatsächlich kann ich schwimmen, nicht gut und nicht weit und am sichersten fühle ich mich wenn ich weiss, dort wo ich schwimme kann ich stehen. Die Erklärung dafür ist einfach zu finden. Als Kinder sind wir baden gewesen und rückwärts immer weiter ins Wasser gehopst, bis zu dem Moment als der Boden weg war. Ich bekam Panik und soff fast ab, eine Klassenkameradin packte mich am Arm und zog mich raus. Damals konnte ich noch nicht schwimmen. Ich lernte es im Erwachsenenalter im Schwimmbad, immer schön am Rand. Jederzeit bereit den Beckenrand zu greifen und Halt zu finden. Vor ein paar Jahren an der Ostsee kamen wir auf die Idee auf die zweite Sandbank zu schwimmen.
Aus heutiger Sicht Blödsinn und eine Folge von Fehleinschätzung und Selbstüberschätzung. Zwischen Ufer und Sandbank fehlte mir der Boden, die Wellen waren nicht ohne und auch diesmal war jemand da und wieder war es eine Frau. Nur diesmal motivierte sie mich langsam zu schwimmen und zu atmen. In diesen Augenblicken merkt man was passiert, wenn einem der Boden fehlt. Im wahren Leben ist es nicht anders, fehlt Dir Boden braucht man jemanden der zugreifen kann oder der einen motiviert. Es gibt viele Menschen in meinem Leben die zugreifen, motivieren, anspornen und mir zeigen wo der Boden ist. Wo ich Halt finde und wie ich schwimmen lerne. Was ich damit sagen möchte, wenn Du schwimmen lernen willst, musst Du ins Wasser gehen. Niemand trägt Dich ins Wasser und sagt schwimm, sondern es muss dein eigener Wille sein, wichtig ist nur, dass jemand da ist der Dich dabei unterstützt.
Danke an alle die mir den Boden zurück geben und mich unterstützen.

Fotograf und Bildbearbeitung: Anita Paukner
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasge


(10.08.2017 – Hinter der Fassade)
(TRIGGERWARNUNG Suizidgedanken)

Jay Rasgón 6

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, kehrte auch die Dunkelheit zurück. Eine quälende Dunkelheit, die sich nicht mit dem Griff zu einem Schalter vertreiben ließ. Markus entledigte sich der Krawatte und des Sakkos und ließ beides achtlos über eine Stuhllehne fallen. Dann trat er zum Spiegel und warf einen flüchtigen Blick hinein. Wie einfach sich die Leute doch von ein paar teuren Kleidungsstücken blenden ließen. Seine Ausstrahlung jedenfalls konnte es nicht sein, die aus ihm den souveränen Geschäftsmann machte, der einen guten Deal nach dem anderen abschloss. Denn wenn er sich betrachtete, sah er eine blasse Gestalt, nur halb von dieser Welt, wie es schien, mit glanzlosen Augen, in denen nur eine Frage geschrieben stand: Wann hört das alles endlich auf?

War es nicht Ironie des Schicksals, dass genau gegenüber seinem Hotelzimmer, ausgerechnet jetzt, ein altes, leer stehendes Haus abgerissen wurde? Der Anblick ließ ein bitteres Lächeln um seine Mundwinkel zucken. Als er gestern hier angekommen war, hatte er immerhin noch einen Teil der alten, auf ihre eigene Weise schicken Fassade sehen können. Jetzt war sie zerstört, lag in Aberhunderten Teilen hinter der Absperrung verstreut und gab endlich den Blick auf das Innere frei. Trümmer, Schmutz und Staub, so weit das Auge reichte.

Wann würde seine Fassade fallen?

Du solltest zu Bett gehen, mahnte ihn seine Vernunft. Wenn er in dieser Stimmung war, machte Nachdenken es nur noch schlimmer. Stattdessen holte er seine kleine Reiseapotheke aus dem Koffer, die etwas andere Reiseapotheke, zugeschnitten auf seine ganz speziellen Bedürfnisse. Und für einen Augenblick, der ihm wie eine Ewigkeit erschien, begann der Gedanke Form anzunehmen. Er war davor, so kurz davor, zum letzten aller Mittel zu greifen. Dann drückte er den Deckel herab, ließ den kleinen metallenen Verschluss zuschnappen.

Nicht heute sagte er sich und war hin und hergerissen zwischen einem Anflug von Erleichterung und Enttäuschung. Noch nicht.

Fotograf und Bildbearbeitung: Jay Rasgón
https://www.facebook.com/Jay.Rasgon/
Text: Patricia Becker
Model: Jay Rasgón


(12.08.2017 – Depression)

Martina Kilian

Alles, was jemals Bedeutung für mich gehabt hatte, war irgendwann unwichtig geworden. Schleichend hatte sich ein dunkler Schleier über mein Herz gelegt und meine Gefühle betäubt. In meiner Seele herrschte tiefster Winter. Alles, was ich noch empfand, war Gleichgültigkeit und Leere. Meine Zukunftswünsche und Perspektiven waren in weite Ferne gerückt, mein innerer Dämon hatte sie mir geraubt und in seinen klaffenden Schlund gesogen. Verbittert suchte ich nach einem Ausweg, doch ich fand keinen. Weder die wöchentliche Gesprächstherapie noch Yoga oder Psychopharmaka konnten mir helfen. In letzter Zeit fiel es meinen Beinen schwer, mein Gewicht zu tragen. Es kam mir vor, als würden meine Knie beim Laufen nachgeben.
Manchmal verbrachte ich darum ganze Tage in meinem Bett bei heruntergezogenen Jalousien, in vollkommener Stille und Dunkelheit. So fühlte ich mich am wohlsten, sofern man überhaupt noch von Wohlbefinden sprechen konnte. Meine Familie und meine Freunde versicherten mir, sie würden mich verstehen und alles würde wieder gut werden. Doch das entsprach einfach nicht den Tatsachen. Es machte mich wütend, dass die Menschen sich anmaßten zu behaupten, sie könnten mein Leid nachvollziehen oder es gar lindern. Anstatt mir Kraft zu geben, stießen sie mich damit immer weiter ins Unglück. Doch meine Worte waren nichts wert.
Aus mir sprach eine einzige Abnormität, eine Krankheit. Meine Depression. Ich ertrinke in meinem Sumpf, wurde mir klar. Ich würde nie wieder Grund unter den Füßen haben, wenn ich nicht selbst den Entschluss fasste, zu kämpfen. Doch wo sollte ich nur die Kraft hernehmen? Was gab es in meinem Leben, für das es sich gesund zu werden lohnte? Es hatte einst etwas gegeben, doch dieses Lebensziel war in weite Ferne gerückt. Ich zerstörte es mir selbst. Aber vielleicht war es ja doch nicht zu spät dafür? Sollte ich einen letzten Versuch wagen? Zum ersten Mal seit Monaten spürte ich Entschlossenheit und begann am selben Abend, wieder zu schreiben.

Maler: Martina Kilian
Bildbearbeitung: Martina Kilian
Text: Stephanie Pinkowsky


(16.08.2017 – Seelenschiff)

Kerstin´s Fotokiste Daniel Wagner 1

Da fährt es das Schiff mit verletzten Seelen, mit Tausenden von Narben und ohne Ziel der Nacht entgegen. Getrocknete Tränen in den Gesichtern, jederzeit bereit die trockenen Wangen mit frischem salzigen Wasser zu befeuchten. Traurig stehen Menschen an der Reling und schauen in das dunkle Meer, ohne Hoffnung eines Tages wieder das Helle zu sehen. Niemand redet und still starren sie in die Dunkelheit, die jeden umgibt. Blicken in das grau der eigenen Seele und versuchen zu vergessen, welche Qualen sie erleiden mussten. Ab und zu springt einer der Passagiere über Bord und sinkt auf den Meeresboden und Millionen Liter Wasser begraben seinen Körper. Das Schiff fährt weiter ohne das ein Passagier, als vermisst gemeldet wird.
Auf zum nächsten Hafen, wo weitere verletzte Seelen das Schiff betreten. Nur ganz selten durchdringt ein weißes Kleid oder ein heller Anzug die Dunkelheit im Schiff. Eine Seele hat die Wunden geheilt und muss im Hafen das Schiff verlassen. Stille, Trauer und Wut, Ratlosigkeit und Verzweiflung heißen die Passagiere willkommen und weisen sie an im Zimmer der Unendlichkeit Platz zu nehmen. Am Steuerrad nimmt der Kapitän der Depressionen Kurs auf das nächste Ziel. Traurige nachdenkliche Musik gespielt von Musikern, die sich hinter Masken verstecken. Der Bordarzt spritzt regelmäßig jedem Passagier neue Verletzungen in die geschundenen Seelen und das Essen ist ein Brei aus Ohnmacht und Angst. Am Horizont türmen sich Eisberge in den nächtlichen Himmel, doch niemand nimmt Notiz davon oder ändert den Kurs. Aus dem Maschinenraum klingen die Maschinen störend in die Nacht. Mit dumpfem Knirschen und Quietschen rammt das Schiff einen Eisberg nach dem anderen.
Kein Mensch läuft zu den Booten und niemand ruft Hilfe, niemand funkt ein SOS. Von allen Seiten dringt Wasser in das Schiff und das eiskalte Wasser legt für einen Moment einen warmen Schleier auf die ertrinkenden Menschen. Mit einem Stöhnen neigt sich das Schiff der Depressionen zur Seite, bevor es vom Meer verschlungen wird. Es sind Schreie zu hören und doch kommt keine Rettung. Tausende Seelen sinken zum Meeresgrund, ohne Anspruch auf Hilfe oder dem Willen zu überleben. Niemand vermisst ein Schiff, was verletzte Seelen transportiert, niemand hört die stummen Schreie und schon am nächsten Abend läuft irgendwo ein Schiff der Depressionen aus mit Tausenden Seelen, die niemand vermisst, mit Tausenden Seelen, die niemand retten kann.

Fotograf und Bildbearbeitung: Kerstin’s Fotokiste
https://www.facebook.com/Kerstins-Fotokiste-12146312152992…/
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasge…/


(22.08.2017 – Sekunden)

Olaf Pawel Model Anna Lena Engel

Stetig versuche ich mich weiter zu entwickeln, versuche zu akzeptieren, was gewesen ist, versuche meinen Frieden damit zu finden, was war, versuche aus dem Erlebten zu lernen, versuche anderen Betroffenen von psychischen Erkrankungen Mut zu machen, versuche meine Werte zu vertreten, versuche neu anzufangen, versuche mich selbst wieder aufzurichten, versuche meine Zukunft vorsichtig zu gestalten.
DANN …
wenn ich gerade zu mir und meinem Leben stehe, vorsichtig Fuß fasse und wieder erste Schritte mit erhobenem Haupt zu gehen versuche …
DANN kommt plötzlich eine klitzekleine Kleinigkeit, für andere kaum spürbar, für mich jedoch RIESENGROß und BEDROHLICH …
DANN kann ich noch so kämpfen, mich noch so sehr darauf vorbereitet haben. Sekundenschnell. Ich werde überrollt, Angst, Unsicherheit, Selbsthass, Selbstzweifel, Unruhe, alte Erinnerungen, alte Muster, TRAURIGKEIT, unendliche Traurigkeit. Ich werde wackelig, suche Schutz, die farbenfrohe Welt verschwimmt vor meinen Augen. Ich starre stundenlang ins Leere, verliere das Gefühl für Zeit und Raum, mein eben noch erhobenes Haupt sinkt mit einem Mal abgrundtief. Der Boden unter den Füßen wird mir entrissen durch die unendliche Traurigkeit, mein Selbstbewusstsein zerbricht in tausend Scherben. Meine Kräfte sind erschöpft.
Alles von einer Sekunde auf die andere. Ich kann diesen Zustand kaum aushalten, aber immerhin halte ich ihn mittlerweile aus. Vielleicht ein erster Schritt!? Irgendwann lässt der Zustand nach. Übrig bleibt vor allem Erschöpfung. Mühsam versuche ich mich wieder aufzurichten, der Blick wird wieder etwas klarer, der Boden unter meinen Füßen stabiler. Die Schwere in meinem Körper von Tag zu Tag leichter. Bis zur nächsten Sekunde, die alles verändert!? Daran möchte ich jetzt nicht denken. Ich versuche und versuche und genieße das Hier und Jetzt. Und die Hoffnung bleibt, dass ich irgendwann erhobenen Hauptes nach vorne schauen kann …

Fotograf und Bildbearbeitung: Olaf Pawel
https://www.facebook.com/PhotOlaf
Text: Alena
Model: Anna Lena Engel
https://www.facebook.com/profile.php?id=100005634919034


(23.08.2017 – Grauer Morgen)

Marita Czemper

Ich sitze in meinem Zimmer und blicke durch das Fenster in die verregnete Landschaft. Der Himmel ist grau in grau und lässt die laubfreien Bäume noch trauriger aussehen als sonst. Leise rieselt der Regen über das Dach des Nachbarhauses. Die Vögel verlassen ihre Nester nicht, und selbst die Eichhörnchen lassen sich heute nicht blicken.

Die Schulkinder haben noch immer Ferien, und auch sonst lässt sich kein Mensch auf der Straße sehen. Nur ab und zu fährt langsam ein Auto durch die verlassen daliegende Siedlung. Meine Stimmung passt mal wieder genau zu dieser Wetterlage. Mich fröstelt, und ich ziehe die alte Wolldecke fester um meinen Körper. Meine Gedanken sind genauso grau wie dieser Morgen. Sie kreisen, wie schon so oft in letzter Zeit, wieder und wieder um das gleiche Thema. Immer stelle ich mir die gleiche Frage, und wie immer werde ich auch heute keine Antwort darauf finden. Dabei wäre diese so wichtig, um endlich zu wissen, wo mein Platz in diesem Leben ist.

Warum fühle ich mich an manchen Tagen so leer? So leer wie diese alte Plastiktüte, mit der der Wind gerade vor meinem Fenster spielt. Die er ziellos hin und herfliegen lässt. Die achtlos irgendwann weggeworfen wurde, da sie ihren Zweck erfüllt hatte. Die nun für niemanden mehr nützlich ist. Ein nutzloses Stück Plastik, das keiner mehr will, das keiner mehr braucht und das auch keiner vermisst. Weiter und weiter wird sie die Straße entlanggetrieben. Immer ein paar Meter nach vorn, aber dann auch wieder einige Meter zurück. Mal bleibt sie an einem Laternenpfahl hängen, mal steht ein parkendes Auto im Wege. Und im nächsten Moment, mit der nächsten Böe, erreicht sie das von hier endlos erscheinende, freie Feld.

Gedankenverloren sehe ich ihr nach und bemerke, dass sie nun frei ist. Ja, frei und fast ungestüm weht sie in alle Richtungen, die der Wind ihr vorgibt. Nichts kann sie mehr aufhalten, nichts steht ihr im Wege. Vor ihr liegt nur noch die schier endlose Weite des brachliegenden Roggenfeldes. Nichts und niemand kann sie mehr aufhalten. Sie fliegt und fliegt, und gewinnt dabei immer mehr an Höhe. Es sieht fast aus, als wolle sie in den unendlichen Weiten des Universums verschwinden.

Ich blicke zum Himmel und sehe, dass sich die Wolken langsam verziehen. Die ersten blauen Stellen sind zu sehen, und der anhaltende Regen lässt langsam nach. Die Eichhörnchen hüpfen wieder über die Straße auf der Suche nach den letzten Weihnachtsnüssen. Und so langsam kommen auch wieder die Menschen aus ihren Häusern und gehen geschäftig ihrer Wege. Ein erster vorwitziger Sonnenstrahl scheint auf den Boden und leckt die Regentropfen von dem Asphalt. Und auf einmal, ganz leise und wie aus weiter Ferne, höre ich das Zwitschern einzelner Vögel.

Fotograf und Bildbearbeitung: Marita Czemper
Text: Christine M. Praml


(24.08.2017 – Wo gehör ich hin?)

Dirk Ludwig Fotografie Model Freakylicios factory 1

Es ist dunkel um mich rum. Ich lache, doch ich möchte weinen. Bin ich es wert, geliebt zu werden? Was bedeutet Liebe? Ich kannte vor dir nur Liebe aus Schmerz, Demütigung und Körperlichkeiten. Ich war nicht gut so, wie ich bin. Menschen dachten, sie könnten meine Liebe kaufen und ich wäre ihnen etwas schuldig. Körperlichkeiten ohne Liebe ist so viel einfacher für mich. Ich kann nicht begreifen, dass Liebe nicht wehtut. Dass ich so was Wertvolles verdient habe. Mein Inneres möchte dies zerstören, denn es macht mir Angst. Es möchte seine alten gewohnten Muster wieder haben.
Warum stehst du immer noch hinter mir, obwohl ich mir selbst Leid zufüge? Warum gibst du mir Raum, wenn ich ihn brauche? Warum verlangst du keine Gegenleistung? Warum fängst du mich auf, wenn ich falle? Warum möchtest du mich so, wie ich bin? Warum weißt du, wie es mir wirklich geht? Warum überraschst du mich aufs Neue? Das Leben lehrte mich was anderes. Wie lerne ich, dies nicht zu zerstören? Nähe kann gut tun, doch erdrückt sie mich auch. Möchte weglaufen. Gefühle zulassen ist so verwirrend. Denn Schmerz, Angst, Scham und Schuld sind die einzigen Gefühle, die mir bekannt sind.

Fotograf und Bildbearbeitung: Dirk Ludwig Fotografie
https://www.facebook.com/dirk.ludwig.fotografie/
http://dirk-ludwig.de/
Text: Marie Seele
Model: Freakylicios factory
https://www.facebook.com/Freakylicios-factory-214094442010…/


(26.08.2017 – Maskenball des Alltags)

Mandy K. Fotografie

Der Morgen bricht an und leise geht die Sonne auf. Sanft weckt sie mich mit ihren warmen Strahlen auf, die immer mehr mein Zimmer erhellen. Ich begrüße sie mit einem leichten freundlichen Lächeln und guter Laune, die ich ihr zu verdanken habe, denn wer wird nicht morgens von der Sonne so liebevoll wach geküsst. Ich bleibe noch ein paar Minuten liegen und lausche dem Gezwitscher der Vögel. Vorsichtig steige ich aus meinem Bett, um den Tag mit Tatendrang zu beginnen. Voller Elan tanze ich durch die Wohnung und singe das Lied im Radio mit, welches ich kurz zuvor eingeschaltet habe. Meine Laune wird laufend besser, denn heute Abend erwartet mich ein wunderbares Ereignis. Ein Ereignis, dem ich schon sehr lange entgegen gefiebert habe und welches nun in wenigen Stunden endlich Wirklichkeit werden wird.

Es erwartet mich ein Maskenball der Extraklasse und ich werde mit einem prachtvollen Ballkleid und einer glitzernden Maske, die mein Gesicht verdecken wird, aufwarten. Eine Maske, mit der mich keiner zu erkennen vermag und wo man sich immer wieder fragen wird, wer sich wohl hinter dieser Maske verbirgt. Mystisch, ja geheimnisvoll wird mein Auftreten sein und ich werde mich niemandem zu erkennen geben. Werde mich den Blicken immer wieder entziehen und mich vor diesen verstecken. Werde mit meinem Auftreten glänzen und gekonnt im Mittelpunkt stehen. Ja, dies wird mein Abend werden und ich werde ihn bis zum letzten Moment genießen. Ehe ich mich versehe, blicke ich auf die Uhr und es geht unaufhaltsam auf den Abend zu. Die Vorfreude auf diesen doch einzigartigen Abend steigt stetig und langsam spüre ich, wie diese innere Unruhe in mir aufkommt.

Immer nervöser werdend auf das, was geschehen wird, gehe ich in mein Schlafzimmer, wo mein wunderschönes Ballkleid hängt. Behutsam ziehe ich mir das Kleid über und schnüre es hinten zu. Es ist ein schönes Gefühl, denn so eine Robe trägt man schließlich nicht jeden Tag. Ich gehe zu meinem Schminktisch rüber, setze mich vor den Spiegel und fange an mich zu schminken. Elegant soll es für den heutigen Abend werden und doch soll es mit einem roten Lippenstift dezent auffallen. Während ich komplett fertig vor meinem Spiegel sitze und das Ergebnis bewundere, steigt mit einem Mal ein ungutes Gefühl in mir hoch. Ich fühle mich irgendwie unwohl und irgendetwas bereitet mir auf doch unerklärliche Weise sehr große Angst. Was ist auf einmal los und was geschieht gerade mit mir? Habe mich doch so auf diesen Abend gefreut und nun bekomme ich schlagartig Panik, die ich nicht besiegen kann.

Langsam spürend, was los ist, fasse ich den ersten klaren Gedanken und bemerke Tränen der Traurigkeit, die an meinen Wangen hinunterlaufen. Entrissen aus einem schönen Traum, der nicht meiner Realität entspricht. Ich versuche mich direkt wieder zu beruhigen, jedoch will es mir nicht so recht gelingen. Ich denke über diesen Traum nach, denn genau genommen, hätte er mich in diesem Moment doch gar nicht so glücklich stimmen dürfen oder etwa doch? Ich müsste doch eigentlich froh sein, diese schöne glitzernde Maske aus meinem Traum nicht tragen zu müssen. Tag ein Tag aus, trage ich diese eine Maske vor Euch, die Ihr jedoch nicht sehen könnt und mit dieser einen Maske erlebe jeden Tag aufs Neue, meinen ganz persönlichen Maskenball des Alltags, der mich immer tiefer in diese schreckliche Dunkelheit zieht.

Dieser Maskenball, der sich mein Leben nennt und der sich ständig wiederholt, kostet mich alle Kraft, die ich besitze und die ich eigentlich nicht mehr wirklich innehabe, nur um Euch damit nicht zu belasten. Möchte Euch nicht zeigen, wie schlecht es mir wirklich geht. Wenn ich meine Maske aufsetze, ist es dahinter alles andere als hell, amüsant und bunt. Es ist dunkel, kalt, leer und wird von ständiger Angst, Einsamkeit, Traurigkeit und immer wiederkehrenden großen Selbstzweifeln begleitet. Mangelndes Selbstbewusstsein und die ständigen Schuldgefühle zwingen mich immer wieder in die Knie. Diese ganzen weiteren Begleiterscheinungen, wie Müdigkeit, Lustlosigkeit und Appetitlosigkeit, halten mich davon ab, an dem schönen Leben teilzunehmen, welches Familie und Freunde führen, denn es schwächt mich zunehmend. Stattdessen ziehe ich mich immer weiter zurück und möchte lieber alleine sein, denn dann kann ich diese Maske absetzen.

Nein, dass was ich führe, ist schon lange kein Leben mehr, es ist eher ein existieren, wenn man mich fragen würde und meine durchsichtige Maske bringt mich dazu, nur noch unter seelischen Qualen irgendwie zu funktionieren. Ja, vielleicht ist ja dies alles die Antwort auf meine Frage, warum mich gerade dieser Traum so glücklich machte. Das Wissen, dass nicht nur ich diese Maske an diesem Abend getragen hätte, sondern die zahlreichen anderen Gäste ebenso. Das Gefühl, dass ich mit meiner Maske nicht alleine gewesen wäre, sondern eine unter vielen. Es ist ein erleichterndes und schönes Gefühl, wenn man spürt, dass man mit dieser Maske und der Erkrankung „Depression“, die sich hinter dieser verbirgt, nicht alleine ist und dennoch wünscht man keinem Menschen, dass er diese Maske jemals aufsetzen und den Maskenball des Alltags so erleben muss, wie ich es täglich durchlebe.

Es ist extrem belastend ein solches Leben führen zu müssen, vor allem, wenn man es zu gerne wieder unbeschwerter und positiver erleben möchte. Das Wissen zu haben, dass man die Depressionen nie ganz besiegen, sondern sich irgendwann höchstens mit ihr arrangieren wird, bringt uns täglich an unsere seelischen und körperlichen Grenzen. Wäre es doch gerade aus diesem Grund sehr viel schöner, als in meinem Traum, wenn man als Betroffener spüren würde, dass man sich im wahren Leben nicht mehr hinter dieser Maske ungewollt verstecken müsste.

Doch leider wird wohl auch dies nur ein Traum bleiben, solange die Menschheit um uns herum nicht dazu bereit ist, mit dem Umdenken zu beginnen. Dass sie endlich begreift, dass es Menschen unter ihnen gibt, die nicht so stark sind wie sie und in bestimmten Situationen einfach anders denken, fühlen und verarbeiten. Solang die Menschheit dies alles nicht verstehen und erkennen will, wird sie auch nie respektieren, dass es seelische Erkrankungen auf dieser Welt gibt, die man eben nicht sehen kann.

Fotograf und Bildbearbeitung: Mandy Krüger bei Mandy K. Fotografie
https://www.facebook.com/mandy.kruger.351
Text: Nadine Wagner


(27.08.2017 – Einmal Hölle und retour – Dead or alive)

Sven Kammann

Ratet mal, wo ich gerade sitze …? Auf einem Bett in der Psychiatrie mit der immer wieder kehrenden Frage: Weitermachen oder aufgeben??? Die schwarze Kreatur schleicht sich wie schon seit Monaten durch meinen Körper. So nenne ich die schwere Depression, die nach jeder meiner Manien auftritt, ob ich will oder nicht, ich kann nichts dagegen tun. Ich liege nur da und warte, dass es vorbei geht. Super Plan – das weiß‘ ich vom Kopf her auch. Nichts wird einfach nur so durch rumliegen weggehen, aber zu mehr bin ich nicht fähig. Es ist nicht die erste Psychiatrie und auch nicht das erste Bett, von dem ich an die Wand starre.

Seit letzter Woche bin ich nach 3-monatigem Klinikaufenthalt entlassen worden, es könnte besser sein – momentan liege ich noch viel in meinem Bett oder auf dem Sofa. Diese Geschichte soll die Vergangenheit Revue passieren lassen und eine positive Wende in Richtung Zukunft sein.

Herzlich Willkommen

Ich bin 17 Jahre alt und das Abitur ist nur noch ein paar Wochen entfernt. Müsste ja eigentlich eine schöne Zeit im Leben eines jungen Mädchens sein – war es bis dahin größtenteils auch. Doch von einem Tag auf den anderen ging gar nichts mehr! In der Schule gibt es nur noch ein Gesprächsthema: Abiklausuren.

Und was mache ich jeden Nachmittag: Ich trage meine Arbeitsbücher vom Wohnzimmer ins Esszimmer und dann in mein Zimmer. Natürlich immer mit dem Anspruch, irgendwo einmal ein Buch aufzuschlagen und anfangen, zu lernen. Ich bin überhaupt nicht fähig, mir auch nur ansatzweise ein Lernsystem aufzubauen. Und es wäre so wichtig für mich. Obwohl ich nicht studieren will, möchte ich natürlich mein Abitur so gut wie möglich machen. Was ich da noch nicht weiß: Dem Druck, den ich mir jetzt schon aufbaue, werde ich nicht standhalten können.

Jeden Tag wird es schlimmer. In der Schule versuche ich, den Gesprächen über das zu Lernende aus dem Weg zu gehen, was natürlich genauso gut möglich ist, wie einem Schwein Rad fahren beizubringen. Jetzt ist es auch schon so weit, dass mein Verhalten meine Eltern auf den Plan ruft. Kein Wunder, wenn ein selbstbewusstes, aufgewecktes Mädchen plötzlich in sich gekehrt und traurig wirkt, fällt das ziemlich schnell auf. Meine Gedanken drehen sich mittlerweile nur noch im Kreis und um das Thema, wie viel Zeit ich noch bis zu den Klausuren habe.

Bei meinem Leistungsfach handelt es sich um Deutsch, mein absolutes Lieblingsfach in der Schule und über den gesamten Zeitraum gesehen eigentlich auch immer mein erfolgreichstes.

Fotograf und Bildbearbeitung: Sven Kammann
https://www.facebook.com/s.kammann/
Text: KK


(05.09.2017 – Was ist Schönheit?)

Somnia Aucupes Fotografien 1

Eigentlich ein Thema, womit sich junge Heranwachsende noch nicht beschäftigen sollten. Ein Thema deren Wichtigkeit eher eine Nichtigkeit sein sollte und doch wird man permanent damit konfrontiert nicht richtig zu sein, wie man ist. Man lässt sich über Jahre hinweg einreden, das man nicht gut genug wäre, nicht dünn genug, nicht hübsch genug.
Am Anfang lässt man diese Worte nicht auf sich wirken, doch mit der Zeit und der steigenden Kritiker fängt man an, darüber nachzudenken. Und sich selbst zu analysieren, mit anderen zu vergleichen und unzufrieden zu sein. Was vorher nur eine blöde Äußerung eines charakterlosen Mitmenschen war, bekommt nun immer mehr Gewicht. Man fängt an, an sich zu zweifeln. Glaubt das “andere” Recht hätten. Man fühlt sich irgendwann hässlich und wertlos. Natürlich nicht, wenn man stark und selbstbewusst ist. Nein man muss dazu schon angeknackst sein.
Und so nimmt eine unüberlegte Äußerung seinen Lauf. Man verändert seine Wahrnehmung und fängt an besser sein zu wollen, ohne darüber nachzudenken, ob man nicht bereits schon gut so ist, wie man ist. Man fängt an andere, hübschere Menschen zu kopieren.
Egal was es kostet … man tut es … will man doch schließlich SCHÖN sein.
Man fängt an zu hungern und seinen Körper mit übertriebenen Sport bis ans Limit zu bringen. Man setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Nur für diesen einen Wunsch: endlich SCHÖN zu sein.

Irgendwann trifft man plötzlich Menschen, die sagen: Hör auf damit! Du bist gut, so wie du bist! In jedem Menschen lässt sich etwas Schönes finden.
Und du lässt es abprallen … du glaubst nicht daran.
Warum auch?
Haben doch so viele andere dir das Gegenteil eingetrichtert!?
Und somit bewegst du dich weiter in diesem Teufelskreis.
Vergessend, wer du warst, wer du bist und was wirklich in dir steckt.

Alles nur, um sich einmal SCHÖN zu fühlen.

Fotograf und Bildbearbeitung: Somnia Aucupes Fotografien
https://www.facebook.com/AnkesFotografien/
Text: Bellatrix_Le”strange
Model: Bellatrix_Le”strange”
https://www.facebook.com/BellaRoseModell/

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