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(18.01.2018 – Einsamkeit)

Rosa H. LightArt 1

Ein einsames Mädchen steht auf dem Balkon und betet. Im Licht des beinah vollen Mondes schimmern das steinerne Geländer und die Säulen, die seine Last tragen, wie ausgebleichte Knochen. Ihr weites, weißes Nachthemd umspielt ihren mageren Leib gleich dem Geliebten, den sie nie hatte, hell wie ihre blasse Haut. Eine Träne funkelt im Mondlicht, ehe sie auf den blassen Marmor fällt.
Die Fenster des Herrenhauses hinter ihr sind hell erleuchtet, warmes Lachen dringt durch die Gläser. Zu ihr dringt es nicht vor. Ihr Fenster ist schwarz, ein Abgrund. Die schlanken, zerbrechlichen Finger verkrampfen sich, dann öffnet sie die leeren Augen. Wind peitscht Haare und Kleid umher… im Blick nur eine Frage, gleich Flehen.
„Warum?“
Nicht Mond antwortet ihr noch Nacht, nicht Wind noch Stein. Als Kälte ihr auch den letzten Rest nie gekannter Wärme geraubt hat, dreht sie sich langsam um und starrt in die Finsternis ihres Zimmers. Diese Träne versickert im Nachthemd, der Wind heult enttäuscht. Das Mädchen spricht, der Klang ihrer Stimme gleich der einer alten Frau.
„Wenigstens Tränen sind mir noch geblieben…“ Auf der Tür zu ihrem Zimmer sind Eisblumen, kalt und wunderschön. Sie zieht die ausgestreckte Hand zurück, wischt die dritte Träne fort und schenkt sie der Nacht. Statt heim zu gehen ins Nichts bleibt sie hier, lehnt sich an die dunkle Mauer und sieht voll Sehnsucht zum Mond. Eine Fledermaus fliegt vorbei, schenkt ihr keine Beachtung.
Recht so…
Ihre Schultern schmerzen, langsam wird es weniger. Der weiße Nebel ihres Atems tanzt zu den Sternen empor.

Die vierte Träne gefriert auf ihrer kalten Wange.

Fotograf und Bildbearbeitung: Rosa H. LightArt
https://www.facebook.com/Rosa.H.LighatArt/
Text: Anna-Lena Perner
Model: La Vie de De
https://www.facebook.com/La-Vie-de-De-965671476810530/


(14.01.2018 – Dornen)

SilentHarmony Photography 10

Wenn sie Dich stechen, erschrickst Du im ersten Moment. Wenn Du anfängst Deinen Fokus darauf zu lenken, dann wird es schmerzlich, zumindest meistens. Schenkst Du ihnen allerdings nur kurzweilig, z. B. in diesem Moment des Erschreckens Deine Aufmerksamkeit, ist es meist nicht allzu schlimm. Du fragst Dich nun vielleicht, was ich damit sagen möchte? Einige mögen es vielleicht sogar erahnen.

Man kann durch sein eigenes Denken so manches steuern, nicht alles, aber vieles. Nehmen wir z. B. Depressionen, hat jeder zumindest schon gehört. Also, Depressionen und den Fokus immer schön auf das Wesentliche legen, wie schlecht das Leben zu einem gewesen ist. Wir neigen nämlich dazu, uns das Leben teilweise sehr, sehr schwer zu machen. Oh ja, ich kann das auch sehr gut, nur mittlerweile gehe ich da anders mit um. Ob das immer so klappt oder ob das einfach ist? Um es kurz und bündig zu sagen: “Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer” (alle die Xavier nicht mögen, ich werde damit leben können und Ihr ebenso)

Ich befinde mich noch immer auf diesem Weg, das werde ich auch mein Leben lang, was für mich völlig in Ordnung ist, Leben ist Veränderung und nicht Stillstand. Wenn man will, sieht man auch was man alles schon erreicht hat und wie stark man ist. Nur Du selbst hast es in der Hand das sich etwas ändert, man kann Dich zwar unterstützen, aber auch nur wenn Du es zulässt. Je mehr Beachtung man einer Erkrankung schenkt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es einen tief hinunter reißt. Wir alle tragen etwas in uns, was uns hier bleiben lässt, manchmal ist es nur noch schwarz um einen herum, trotzdem macht man weiter. Das ist auch für jeden etwas anderes. Den Blick wieder dafür zu bekommen, wie bunt und schön das Leben ist, kann man lernen, wenn man will. Es gibt echt viele Masochisten unter uns Betroffenen. Gibt es für Humor eigentlich einen ICD-10 Code?

Letzten Endes kann niemand von uns die Zeit zurückdrehen, so sehr man sich das auch wünscht. Und selbst wenn? Ich bin mir ziemlich sicher, auch dann würde man sich eines Tages wünschen, man könne die Vergangenheit ändern. Sie ist, was sie ist, allgegenwärtig, manchmal sogar übermächtig. Das ist einer der Gründe, warum ich etwas verändert habe und mich hat all das ja auch zu dem Menschen gemacht, der ich nun bin. Für mich stellt sich nicht mehr die Frage, ob ich weniger wert bin als andere, bin ich nicht. Du aber ebenso!
Versuche Dich anders zu fokussieren, dann verhält es sich öfter auch mal so, wie mit den Dornen.

Fotograf und Bildbearbeitung: SilentHarmony Photography
https://www.facebook.com/SilentHarmonyPhotography/
Text: Feli Dae


(13.01.2018 – Suizid als Plan)
(Es wird nicht ausführlich auf das Thema eingegangen, daher keine Triggerwarnung)

Fotostudio Wessely

Was bleibt, ist die Angst

Je mehr ich schaffe und je mehr ich mir aufbaue, desto mehr wird mir eine Sache bewusst:

was bleibt, ist die Angst.

Als ich ganz unten war und so ziemlich alles verloren hatte, da gab es nicht mehr viel, das ich hätte verlieren können. Und da war auch keine Angst. Wovor auch? Entweder ich kämpfe und schaffe es, oder ich verliere und nehme Plan B. Da war nicht mehr viel, das mich gehalten hätte. Das konnte ich damals ganz nüchtern abwägen.

Heute ist das anders. Ich habe viel geschafft und mir viel aufgebaut. Heute habe ich viel zu verlieren.

Und was bleibt, jetzt wo ich die Depression überwunden glaube?
Die Angst.

Die Angst zu scheitern, selbst bei kleinen Dingen. Die Angst vor den Konsequenzen des Scheiterns. Die Angst, dass ein kleines Scheitern das große Scheitern nach sich zieht. Und ich wieder vor dem Nichts stehe.
Denn diesmal darf ich nicht an Plan B denken. Ich hab’s versprochen. Ich habe versprochen nicht aufzugeben. Diesmal gibt es noch einen Menschen, der die Konsequenzen meines Scheiterns mit tragen müsste.
Und was wäre, wenn dieser Mensch nicht mehr da wäre? Wenn ich auch ihn durch mein Scheitern verlieren würde?

Plan B?

Was bleibt, ist immer die Angst. Immer.

Fotograf und Bildbearbeitung: Fotostudio Wessely
https://www.facebook.com/alexanderandres64/
Text: Britta Hohmann


(09.01.2018 – “Existiert Familie Teufel oder sind sie nur eine Erfindung der Pharmakonzerne?”)

Model NN 115

Ronja und Egon sind wieder aus dem Liebesurlaub zurück. Sie Turteln viel und sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Aber hin und wieder kommen sie doch mal wieder die Knöpfe. Allmählich komme ich jedoch besser damit klar. Das ist toll.
Ich habe sie alle zusammengerufen. Egon, Erwin und Ronja. Kevin durfte spielen gehen. Um einen neuen Text zu verfassen, wollte ich meine Freunde um Hilfe bitten.
Sie sollten auch ihre Ideen zum Besten geben. Eben ein BRAINSTORMING machen. BRAINSTORMING … welch ein lustiges Wort. Besonders Erwin findet es klasse. Das Wort mal auseinandergenommen: BRAIN = Gehirn. STORM = Sturm. Ein Sturm im Gehirn.
Ja das passt zu meinem Erwin. Er ist auch wie ein Sturm in meinem Gehirn. Wirbelt gerne mal alles durcheinander. Wir mussten alle dabei lachen. Irgendwann konnten wir auch mal anfangen: Ronja hat den Punkt der Bezeichnung angebracht. Sie meinte das Wort “Krankheit” fühlt sich merkwürdig an. Egon hat den Punkt “Entschuldigung” angebracht. Wenn man sein Verhalten eben dieser Familie erklärt, empfinden das sehr viele als “rausreden oder entschuldigen”.
Erwin meinte, er ist empört darüber, dass manche behaupten, er existiere gar nicht. Also dass AD(H)S nicht existiere. Alle stimmten Erwin zu und meinten diesmal wäre es gut genau darüber zu sprechen, denn dies trifft nicht nur bei AD(H)S zu sondern gab es auch schon bei dem Thema Depression. Das das finden alle sehr schlimm. Denn Egon, Ronja und Erwin sind doch da. Wie kann jemand sagen sie würden nicht existieren? Es schmerzt sie sehr.
Liebe Wissenschaftler, wenn es AD(H)S und auch die anderen Krankheiten nicht gibt. Gibt es dann auch meine Gefühle nicht? Es fühlt sich sehr Real an. Wenn ich mich mit einem Text beschäftige, ob ich lese oder schreibe, und ich alle 2 Minuten meine Aufmerksamkeit auf andere Dinge richte, und nicht weiter komme. Wenn ich zwar die Buchstaben, Wörter, Sätze sehe und lese. Sie aber nicht in meinem Kopf wirklich ankommen. Ich sie nicht verstehe, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Gibt es das nicht? Warum fühle ich es dann?
Wenn ich auf dem Sofa sitze, meine Waschmaschine fertig ist und ich weiß, ich muss jetzt die Wäsche aufhängen. Mein Kopf weiß es. Ich weiß es. Ich habe keine körperlichen Beschwerden. Nichts spricht dagegen, jetzt aufzustehen und die Wäsche aufzuhängen. Aufstehen. Das ist doch etwas, das wir instinktiv machen, laufen und mich bewegen. Aber aus irgendeinem Grund fühlt sich mein ganzer Körper an, als wäre er schwer wie Blei. Ich versuche, mich zu bewegen. Aber es tut sich nichts. Alles fühlt sich wie Blei an.
Existiert das nicht? Wenn doch Depression, AD(H)S oder andere Dinge nicht existieren, dann existieren meine Gefühle auch nicht. Aber warum fühlen sie sich dann so real an? Sie sind doch da. Warum sagt ihr Wissenschaftler, dass sie nicht existieren?

Ich sage euch etwas – liebe Wissenschaftler: Es existiert. Es gibt diese Dinge wirklich. DEPRESSION, BORDERLINE, ADHS, und und und. Das alles gibt es wirklich. Nennt es wie ihr es wollt. Aber das ändert nichts daran, dass es existiert. Und wenn wir das Ganze schon wissenschaftlich angehen, dann kann man sagen: bei uns gibt es ein Ungleichgewicht unserer Hormone. Das kennt ihr doch oder? Hormone. Die existieren doch oder? Ja und bei uns sind die eben nicht in der Menge vorhanden, wie sie sollen. Das könnt ihr gerne nachprüfen. Außerdem spielen noch viele andere körperliche Dinge mit rein. Das würde aber den Rahmen sprengen. Also: nehmt uns auseinander, wie ihr wollt, findet neue Namen für unsere Defizite aber es ändert nichts daran, dass es diese Dinge wirklich gibt. Ob sie nun Depression heißt oder “Mangel an Serotonin und Nonadrenalin” Das ist uns eigentlich völlig egal, wie ihr es nennt aber verleugnet es nicht!

Fotograf und Bildbearbeitung: Dirk Ludwig Fotografie
https://www.facebook.com/dirk.ludwig.fotografie/
http://dirk-ludwig.de/
Text: Berger Cynthia Cindy

2 thoughts on “Artikel

  1. Was für ein toller Blog! Danke für deine Offenheit. Oft sehe ich in deinen Texten wie in einen Spiegel. Das ist genau das, was wir brauchen. Raus aus dem Stigma, denn wir machen uns doch selbst schon genug Vorwürfe. Darum zu kämpfen, das ist etwas, wozu es sich zu leben lohnt. Mach weiter, bitte.

    1. Hallo Frances.
      Danke für Dein Kompliment. Hinter Dirk Ludwigs Projekt “Gib Depressionen ein Gesicht” steht natürlich ein ganzes Team und sehr viele großartige Menschen stellen uns ihre Texte und Bilder dafür zur Verfügung. Ihnen allen ist es mit zu verdanken, das Gib Depressionen ein Gesicht so besteht, wie es ist. Wir werden uns weiterhin große Mühe geben und viel Herzblut investieren, um unsere Unterstützung zu geben und bei der Entstigmatisierung zu helfen. LG

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