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(23.09.2018 – Mischzustand Carrera-Edition)

Verdammt was es alles gibt. Der Shit wird Mischzustand genannt und wie da gemischt wird – leider nur die Gefühle. Eigentlich wird dabei die Seele zerrissen weil man nämlich Glücklich und Traurig gleichzeitig ist (die Manie will Spaß haben, die Depression hat keine Kraft für irgendwas und sowieso keine Lust) – zu vereinfacht? Stimmt.
Stell dir vor du sitzt in einem nagelneuen und abgezahlten Porsche (war schon immer dein Traum so einen Wagen zu fahren), der steht in deiner Einfahrt und vor der Einfahrt gibts einen Stau (ungefähr einmal um die ganze Welt). Du möchtest eigentlich nur das Gas durch treten und richtig durch die Botanik heizen. Aber ist nicht. Du darfst den Motor starten und im Leerlauf Gas geben (Hammer, wie leise der läuft ne, die Vibration ist auch geil) und schon läuft ein Film in deinem Kopf ab, davon wie du auf der Landstraße fährst, und wie die Typen und Mädels auf der Straße gucken, sich mit irgendwem ein Rennen liefern, das wird alles so geil.
Aber Moment, du stehst ja immer noch im Leerlauf und mit dem Fuß auf dem Gaspedal, in der Einfahrt. Verdammt wann gehts endlich los? Du kannst nicht los fahren, nein auch nicht einmal um den kleinen Pudding. Verdammt, was nutzt mir ein Porsche wenn ich ihn nicht fahren kann? Du steigst aus, voller Wut, auf den Stau, auf den verdammten Porsche und holst deinen schweren Vorschlaghammer aus deiner Garage. Erst willst du dich einfach an irgendwas auslassen, aber dann siehst du den Porsche, den Stau und musst an die Möglichkeiten denken die dir verwehrt bleiben. Also schlägst du zu, auf den scheiß verfluchten Porsche. Immer wieder, aber egal wie oft du zuschlägst die Wut will einfach nicht weniger werden. Da kommt dir die Idee. Du holst einen Schlauch und pumpst das Benzin ab, damit überschüttest du den Porsche, holst dein Feuerzeug rau und fackelst die verdammte Karre ab, leider greift das Feuer schnell über, nun brennt auch das Haus. Und noch immer bist du wütend weil du nicht fahren kannst.
Jetzt ersetzt man den Porsche und den Stau mit sich selbst. NEIN, das Benzin und der Vorschlaghammer waren extra für dieses Gleichnis gedacht und kein Tipp oder Idee fürs nächste Mal. So fühlt sich ein Mischzustand an.

Fotograf: Dirk Ludwig Fotografie
https://www.facebook.com/dirk.ludwig.fotografie/
www.dirk-ludwig.de
Text: Markus Nowak


(02.08.2018 – “Panik als Beifahrer“)
(TRIGGERWARNUNG: Panik im Auto)

Dirk Ludwig Fotografie 12

Leichte Vorfreude auf einen Ausflug werden schnell mit dem Einsteigen auf der Beifahrerseite in ein Auto genommen. Panik steigt auf. Vorbeifahrende Autos huschen an meinen Augen vorbei. Ich verkrampfe, ich trete meine Füße fester in den Boden des Autos. Ich bremse instinktiv mit.

Meine Hände schwellen an. Ich reibe sie aneinander, sie sind feucht. Ich greife nach dem Festhaltegriff oberhalb des Fensters. Ich atme schwer. Die Brust schnürt sich zu. Ich versuche für einen kurzen Moment das Fenster zu öffnen, um Luft zu bekommen. Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Ich höre den Lärm der Autos. Halte meine Ohren zu und schließe hektisch das Fenster. Angst, immer mehr Angst und Panik machen sich breit. Die Farbe in meinem Gesicht weicht. Blässe und Angstperlen verziehen den Rest meines Gesichtes. Ich, am Ende meiner Kräfte.

Versuche mich abzulenken. Musik – ja Musik könnte mich ablenken! Tut sie nicht. Ich höre sie nicht. Sie nervt. Ich studiere für mich die noch notwendigen Stunden, Minuten, die ich noch in diesem Zustand als Beifahrer verharren muss.

Endlich, am Ziel angekommen, löst sich meine Verkrampfung. Ich steige langsam von der Beifahrerseite aus, versuche meine klebrige Kleidung vom Körper zu lösen, versuche tief ein- und auszuatmen.

Geschafft! Vorerst! Denn ich muss mich auch wieder auf den Rückweg begeben.

Fotograf: Dirk Ludwig Fotografie
https://www.facebook.com/dirk.ludwig.fotografie/
Text: Angela W.


(04.08.2018 – Es begann 2008)

Siro Marteens 1

Ich verlor meinen gutbezahlten Job, da mein Arbeitgeber Insolvenz angemeldet hatte. Er schuldete mir noch 33000 Euro an Gehältern und Reisekosten.
Meine damalige Frau fand, es sei eine gute Idee, mich in dem Moment mitsamt meiner beiden Kinder zu verlassen. Ich hatte den Eindruck, dass sie der Meinung war, dass Ihr Goldesel keine Dukaten mehr scheisst. Sie hat sich dann die Sahnestücke an Möbiliar aus der Wohnung geholt und mich mit all dem Rest
alleine gelassen.
Ich konnte die Riesenwohnung natürlich nicht mehr zahlen, jetzt, da ich ja arbeitslos war. Also habe ich mir eine kleinere Wohnung gesucht und dann versucht, all das Zeug, was sich über Jahre angesammelt hatte, dort unter zu bringen. Ich hatte niemanden, der mir geholfen hätte. Ich musste die gesamten 189 qm alleine ausräumen und das ganze Zeug in meine neue 60 qm Wohnung bringen.
2 Tage bevor ich die Wohnung besenrein übergeben musste, rief mich mein Neffe an und erzählte mir, dass mein Bruder gestorben sei. Einfach so. Ohne Krankheit oder so. Ich habe dann den Umzug über die Bühne gebracht und saß dann in meinem 60 qm Möbellager.
Ich glaube, da fing es an, dass mir alles scheissegal wurde. Ich habe meine Post nicht mehr geöffnet, auf keine Anrufe reagiert etc. Mir war einfach alles egal… Keine Ahnung, ob dass das Krankheitsbild der Depression darstellt, aber so war es halt.
Es folgten Zwangräumung der Wohnung, Obdachlosigkeit, Unterbringung in einem Asylantenheim, etc…
Heute habe ich wieder eine eigene Bleibe, aber immer noch quält mich eine dauerhafte Gleichgültigkeit. Bin ich depressiv?
Ich weiß es nicht.

Bild: Siro Marteens
Text: Anonym


(05.08.2018 – Immer auf Vollgas)

Manfred Fiedler 1

Lächle immer weiter – Du hast doch so ein schönes Lächeln
Steh Deine Frau – Sei lieb
Mach Umsatz – hol neue Kunden – „überzeuge“ sie
Sei apart, höflich, liebenswert und hilfsbereit
Schon über 50 Jahre lang…
Wer bin ich?
Ich schotte mich ab – will keinen mehr sehen und sprechen– immer weiter und
weiter.
Der Konzern verlangt das.
Die Freunde (?), die Familie erwarten es von dir
Das Telefon klingelt unaufhörlich. Sie folgen mir – bis auf die Toilette.
Ich kann nicht mehr? Ich doch nicht!
Wer sind sie alle? Kenne ich sie? Ja, aber wie heißen sie? Welcher Wochentag ist
heute?
Welcher Monat? Welche Jahreszeit? War überhaupt schon Ostern?
Bei Rot über die Ampel fahren? Oder war es bei doch grün?
Was, der Kloreiniger gehört nicht in den Kosmetikeimer? Was passiert hier?
Wo ist der Schlüssel?
Im Kühlschrank? Oh je? Dreh ich durch? Verliere ich meinen Verstand?
Schon wieder aufstehen?
Ich habe doch noch gar nicht geschlafen. Der Flieger geht…. Panik!
Man bietet mir Hilfe an. Wie großzügig – ist das Hilfe? Oder wollen sie mich
loswerden?
Keiner fragt mehr nach mir? Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan….
Neues Leben – wieder aufstehen – warum klappt es denn dieses Mal nicht mehr?
Hat doch immer funktioniert.
Aber ich werde es schaffen. Gebe mir Zeit… Endlich…

Fotograf: Manfred Fiedler
https://www.facebook.com/search/top/?q=manfred%20fiedler
Text: Die Alex


(07.08.2018 – Mein Leben und ich)

Siro Marteens 2

Immer wieder wühlen wir in der Therapie in meinem Leben herum. In der Kindheit, der Jugend, im jungen Erwachsensein und auch im heutigen Leben. Vieles war bis vor ungefähr einem Jahr verborgen. In den Tiefen des Langzeitgedächtnisses
verbuddelt. Wie alte Pharaonengräber oder Römerkastelle. Vorbei, zugeweht, Gras drüber gewachsen. Vergessen. Unter vielen anderen abgespeicherten Ereignissen begraben. Manchmal kamen Bruchstücke zum Vorschein, wie zum Beispiel eine kleine alte römische Münze oder ein verfluchter mumifizierter Tierkörper. Bruchstücke, die in keinem richtigen Zusammenhang standen. Die aber in mir immer wieder Ängste erzeugt und/oder Nerven gekostet haben, ohne zu wissen, wieso und warum.

Vor fast anderthalb Jahren hatte ich mein Burn-out. Er fühlte sich an, wie der ungebremste Aufprall mit 200 km/h vor eine meterdicke Betonwand. Bums. Von 200 auf 0 in Nullkommanix. Das hat mächtig gescheppert. Noch immer spüre ich den
Aufprall, als wäre es gestern gewesen. Bin immer noch wie gelähmt. Dieser Aufprall hat wohl auch ein kleines Beben in meinem Denkapparat ausgelöst. Wie bei einem Vulkanausbruch wurden Teile aus den tiefsten Tiefen hochgeschleudert, ans Tageslicht gebracht. Die Psychotherapeutin ist so etwas wie die Archäologin meines Lebens. Vorsichtig gräbt sie Teilchen für Teilchen aus, säubert es und versucht damit einen Film, meinen Lebensfilm zu rekonstruieren. Dreizigmillionen Einzelteile. Langsam, ganz langsam werden einzelne Szenen sichtbar. Zusammenhänge mit den „Münzen“ und den „verfluchten Mumien“ können teils vage, teils deutlich erkannt werden. Gedanken, Eigenarten und Verhaltensweisen bekommen teilweise einen Sinn. Die Erinnerung kommt zurück. Wirklich? Ist es Erinnerung? Ich weiß es nicht. Mir kommt es vor, als wäre ich nur Gast in einem Kino.

Gezeigt wird:
„Das Leben des Stefan K. – so könnte es gewesen sein“
FSK: ab 18;
Eintritt: frei;
Länge: Überlänge, man weiß es nicht genau.

Ich sehe einen blonden Jungen voller Hoffnung, voller Liebe, wie er traurig und enttäuscht langsam resigniert. Den jungen Mann, der kaum Gewalt über sein Lenkrad hat, aber mit beiden Beinen auf dem Gaspedal steht. Diesen erwachsenen Mann, der es bei der Geschwindigkeit nicht mehr schafft, nach links und rechts zu
sehen. Ich sehe, wie er dieser Wand, dieser dicken unverrückbaren Betonwand immer näher und näher kommt. Es ist irgendeine Geschichte, aber meine?

Ich habe keine Ahnung, habe keinen Bezug, keine Gefühle dabei. Ich stehe auf und
will den Saal erlassen. Dabei spüre ich aber deutlich das starke Beben des Aufpralls, der hinter mir auf der Leinwand gezeigt wird. Ich kann mich so gerade noch an einen der Sitze im Saal festhalten, sonst hätte es mich umgehauen.
Ist das wirklich mein Leben? Oder einfach nur ein zweitklassiger, schlecht inszenierter Horrorfilm?

Bild: Siro Marteens
Text: Stefan Kleine Wolter
Facebook : https://www.facebook.com/kraftlosmuede
Blog: https://kraftlosmuedeblog.wordpress.com/


(09.08.2018 – Uniform – Allein unter Vielen)

Martina-Rick-Art

Ein Auszug aus der Vita der Malerin Martina Rick

In ihren abstrakten Bildern spiegelt sich natürlich auch ihr Leben als „chronisch-depressive Patientin“ wider. Es ist aber ihre positive Reaktion auf ihre dunklen Wochen und Monate. So sagt sie: „Ich habe meine Krankheitsphasen immer als Chance auf Veränderung empfunden. Heute kann ich sagen, in der Malerei habe ich mich gefunden . Durch Farbe und Strukturen finde ich meinen Ausdruck.!“
Aber ihre Bilder sind nicht nur farbig, sie besitzen eine Tiefe und
Ausdruckkraft, die den Betrachter berühren, und geben Hoffnung, die man sinnbildlich in Leitern, Stufen, Wege und Durchgängen findet.
Sie gibt ihren Bildern ungern Namen und überlässt so die Interpretation letztendlich dem Betrachter.

Bild und Text: Martina-Rick-Art


(11.08.2018 – Ich stehe nackt in der Dunkelheit)

Schiwa Rose 1

Blind und ohne Halt. Der graue Schleier hat sich ausgebreitet, liegt schwer auf meiner Seele. Es ist kalt und dunkel. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich nichts, nur Einsamkeit, Traurigkeit. Der Boden bricht mir unter den Füßen weg und einen neuen Halt sehe ich nicht. Alles verkrampft sich, zieht sich zusammen. Ich werde kleiner und immer kleiner. In einem Käfig gefangen aus Angst, Hass und Verzweiflung. Ein Käfig mit den Scherben meines Lebens, die sich tief in mein Fleisch schneiden. Ich sehe keinen Sinn mehr, bin für andere nur eine Last. Bin nichts Werth, habe nichts verdient.

Ich stehe nackt in der Dunkelheit. Der dunkle graue Schleier, lässt alles einst Schöne, grau und trist erscheinen. Nichts macht mehr Sinn, nichts macht mehr Freude, nichts macht mehr Spaß.

Ich stehe nackt in der Dunkelheit. Eine große Macht zieht mich tiefer und immer tiefer in den Abgrund. Sie packt mich, hält mich fest und lässt mich nicht mehr los. Mit ihren großen Klauen hält sie mich fest und nimmt mir die Luft. Raubt mir den Atem, raubt mir die Stimme. Die Stimme, die schreien will aber nicht kann. Die Stimme, die rufen will, „Ich brauche Hilfe, bitte helft mir“, aber nicht darf. Ich stehe in der Dunkelheit und ohne Stimme.

Dann frage ich mich: „darf die Stimme überhaupt sein? Darf ich Schrein?“ NEIN! Es darf nicht sein. Darf niemanden um Hilfe bitten! Darf nicht Atmen, darf nicht sein.

Ich bin gefangen und allein, nackt in der Dunkelheit, in einem Käfig voller Angst und Einsamkeit. Kann den Schlüssel nicht sehen. Darf nicht Leben, darf nicht SEIN.

Ich stehe nackt in der Dunkelheit

Foto: Schiwa Rose
Model: Yvonne Reif
https://www.facebook.com/profile.php?id=100010542130993
Hand-Model: Wolf Anders
https://www.facebook.com/Dreamdrummer1963
Text: Anika Kuhn


(13.08.2018 – Dunkelheit)
(TRIGGERWARNUNG: Suizidgedanken / selbstschädigendes Verhalten)

Forue

So viel mehr als traurig / übersensibel / ein Dramatiker / ein Müßiggänger …

Dieser Tage sehe ich viele Beiträge über depressive (berühmte) Menschen, meistens nach einer Suizid-Meldung. In dem Zusammenhang wagen sich einige andere Betroffenen an die Öffentlichkeit oder stimmen einer anonymisierten Veröffentlichung ihrer Geschichte zu. Und kaum ist so ein Beitrag veröffentlicht, kommen auch diese Klugscheißermänner und Rechthabefrauen aus ihren Löchern mit Superweisheiten wie:

“Den Eltern müsste mal jemand beibringen wie Erziehung wirklich geht; kein Wunder, dass das Kind so geworden ist.”
“Solange Du nur von Freunden und Familie (genug) geliebt wirst, wirst Du die Kraft haben, Dich wieder ans Licht zu kämpfen.
“Du Depressionen? Das sieht doch ganz anders aus, wenn man das hat.”
“Der / Die müsste sich einfach mehr am Riemen reißen und weniger träge sein, dann wird das schon wieder. Bei [hier beliebigen Namen oder Verwandtschaftsgrad einsetzen] war das ganz genauso…” und.mich.packt.die.kalte.Wut.

Depressionen sind für jeden anders, und keine Supereltern / Partner / Freunde der Welt mit der größten bedingungslosen Liebe diesseits der Milchstraße können etwas daran ändern, dass die betroffene Person depressiv wird, wie lange sie depressiv bleibt, dass sie über Suizid nachdenkt und möglicherweise (erfolgreiche) Versuche unternimmt, sich das Leben zu nehmen.

Warum?

Depressionen betäuben (positive) Gefühle. Selbst wenn Liebe in Grad Celsius zu messen wäre und die Eltern / der Partner / der Freund so sehr für Dich brannte, dass es brennendem Termit oder der Oberfläche der Sonne Konkurrenz machte: Es lässt Dich kalt, weil Du sie nicht spürst.
Worte, Berührungen, Gesten der Zuneigung lassen Dich kalt, weil Dich die damit transportierten Gefühle nicht erreichen. Du lebst wie in einer Glaskugel voller Schmerz, Kälte, Dunkelheit und der Angst davor, noch mehr Schmerz, Kälte und Dunkelheit ertragen zu müssen. Schöne Momente werden von der Angst vor dem Tief danach vergiftet.
Alles erscheint sinnlos, Tätigkeiten kosten unendlich viel Kraft, jede Bewegung, jede bisherige Routine, sprechen, sich waschen und anziehen.
Du wachst morgens auf und fühlst Dich ermattet von der Nacht, blickst auf den vor Dir liegenden, viel zu langen Tag und brauchst ewig lange, um aufzustehen, weil Du schon dafür letzte Kraftreserven zusammenkratzen musst.

Termine wahrzunehmen kann unmöglich werden, “sie bringen ja doch nichts”, vor allem, wenn sie ausschließlich für Dich sind, weil Du Dich wertlos / als Ballast fühlst, deshalb z.B. die Selbstfürsorge (so banale Dinge wie Haare bürsten, Hände waschen, saubere Kleidung anziehen) unterlässt, Dich dafür schämst, dass Du “Dich gehen lässt”, weswegen der eigene Selbstwert sinkt, so dass die Selbstfürsorge unterlassen wird, weswegen… Das tritt oft zusammen mit anderem selbstschädigendem Verhalten auf, was die Schäden am Selbstwert potenziert.

Ist der wünschenswerte Zustand eingetreten, dass gesunde(re) Anteile der Persönlichkeit den zerstörerischen Anteilen mit positiven Impulsen entgegetreten (nach viel Arbeit an Dir selbst [von ambulanten Therapeuten begleitet, auf deren Hilfe Du mehrere Monate warten darfst], vllt. unterstützt durch Pharmazeutika), kann dieses Gleichgewicht in Sekundenbruchteilen wieder gestört werden. Meistens dauert es lange, das Gleichgewicht wieder herzustellen, Stunden, Tage, Wochen, und in der Zeit gehen die Negativkreisläufe weiter.

?Wundert es da noch jemanden, wenn Betroffene einfach nur noch den Wunsch haben, dass es aufhört?

Depressionen gehen gerne einher mit psychosomatischen Beschwerden: Migräne, Schmerzen in beliebigen Teilen des Körpers, Atemnot, Schlafstörungen, um nur ein paar zu nennen. Depressionen begünstigen das Auftreten von Demenzerkrankungen.

Zum Abschluss einer Psychotherapie werden Prophylaxe-Maßnahmen und Frühwarnzeichen besprochen, weil einen der “schwarze Hund”, wie ihn ein Autor mal genannt hat, immer wieder anspringen kann.

Es ist mir ein Rätsel, warum diese Erkrankten stigmatisiert und/oder als “charakterschwach” bezeichnet werden und ihr Leiden – gegen das sie wie Süchtige manchmal nur einen Atemzug nach dem anderen kämpfen – geheimhalten müssen, während sie trotzdem arbeiten gehen, ihre Familie managen, Instrumente spielen, künstlerisch bildend tätig sind, kreativ schreiben, den Garten in Schuss halten, sich ehrenamtlich engagieren…

Seit wann ist man weniger ernsthaft krank oder reißt sich “lediglich” ungenügend zusammen, wenn man statt zum Internisten zum Psychiater geht?!

Fotograf: Forue
https://www.forue-photography-and-composing.de/
Text: Anonym


(15.08.2018 – Dunkelheit)
(TRIGGERWARNUNG: Selbstverletzendes Verhalten)

Siro Marteens 3

Ich bin ein Mädchen, wohne bei meinen Eltern, habe Depressionen. Vor 2 ½ Jahren begann alles. Es ging mir Tag für Tag schlechter. Ich lag in meinem Bett, war antriebslos, starrte an die Decke, schlief oder weinte. Du denkst dir jetzt wahrscheinlich so etwas wie ,,Ist doch klar, bist doch depressiv“, doch so ist das
nicht. Ich fühlte mich in meinen schlimmsten Zeiten alleine, vergessen, verloren, leer.

Dazu begann ich mir selbst Schmerzen zuzufügen. Ich schlug gegen Wände oder ritzte mich. Dennoch musst du eines wissen, nicht jeder der sich selbstverletzt hat Depressionen und nicht jeder der Depressionen hat, verletzt sich.

Doch niemand verstand mich, zumindest glaubte ich das. Solange, bis ich meine Einstellung änderte! Ich wusste, dass ich jetzt aus dieser Situation ausbrechen müsste, ich wusste, dass ich es schaffen könnte.

Also begann ich eine Therapie und auch wenn es noch viele weitere Sachen gibt, die man wissen müsste, um diese Krankheit richtig verstehen zu können. Wenn du unter Depressionen leidest, du wirst es schaffen hinaus zu kommen.

Ich bin ebenfalls noch nicht ganz draußen, ich weiß auch nicht ob ich da jemals ganz raus kommen werde, doch ich kann es versuchen. Mein Pessimismus hat sich in Optimismus verwandelt.

Bild: Siro Marteens
Text: Leonie


(18.08.2018 – Ketten der Vergangenheit)

Mandy K. Fotografie 9

Die Ketten der Vergangenheit ziehen mich zurück.
Ich mache Schritte vorwärts, doch die Ketten ziehen mich zurück.
Ich müsste glücklich sein, denn ich habe es geschafft aus der Hölle zu entrinnen, doch die Ketten lassen mich nicht los.
Ich sollte mich frei wie ein Vogel fühlen, doch kann ich die Ketten nicht loslassen.
Menschen sagen mir, dass ich ihnen wichtig bin und behandeln mich liebevoll und aufmerksam, doch ich ertrage es nicht, denn die Ketten der Vergangenheit waren anders. Ich kannte nur Gewalt und Grenzverletzung die Ketten ziehen mich immer zurück. Das Gefühl es nicht wert zu sein und es nicht zu verdienen macht sich breit.
Bilder der Vergangenheit lassen mich in der Vergangenheit verwahren, denn es ist etwas Bekanntes, was weniger Angst macht.

Fotograf: Mandy Krüger
https://www.facebook.com/mandy.kruger.351
Model: NN
Text: Marie Seele

2 thoughts on “Artikel

  1. Was für ein toller Blog! Danke für deine Offenheit. Oft sehe ich in deinen Texten wie in einen Spiegel. Das ist genau das, was wir brauchen. Raus aus dem Stigma, denn wir machen uns doch selbst schon genug Vorwürfe. Darum zu kämpfen, das ist etwas, wozu es sich zu leben lohnt. Mach weiter, bitte.

    1. Hallo Frances.
      Danke für Dein Kompliment. Hinter Dirk Ludwigs Projekt “Gib Depressionen ein Gesicht” steht natürlich ein ganzes Team und sehr viele großartige Menschen stellen uns ihre Texte und Bilder dafür zur Verfügung. Ihnen allen ist es mit zu verdanken, das Gib Depressionen ein Gesicht so besteht, wie es ist. Wir werden uns weiterhin große Mühe geben und viel Herzblut investieren, um unsere Unterstützung zu geben und bei der Entstigmatisierung zu helfen. LG

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