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(18.04.2018 – Die Brücke)

ML - Photo 14

Jeden Tag komme ich an diese Brücke,
Darüber gehen traue ich mich nicht.
Eine Stimme sagt immer, bleib hier auf der sicheren Seite.
Dort drüben ist es gefährlich, damit kommst du nicht klar.

Ich bleibe auf meiner Seite.
Tagein, tagaus.
Ich frage nicht nach dem warum.
Bin angepasst und unauffällig.

Doch eines Tages frage ich die Stimme:
“Warum soll ich hier bleiben? Was ist dort drüben anders?”
Sie antwortet: “Da drüben ist es ganz anders. Sieh dich um, was siehst du hier?”
Ich sehe Dornen, Wolken und Stille. Ich sehe Mauern, Grenzen und Nebel.
“Siehst du, auf der anderen Seite ist es laut und bunt, es gibt neben Nebel auch Sonne und Regen, es gibt offene Plätze und viele Töne und Farben. Du musst damit klarkommen, wenn du über die Brücke gehst. Denn das ist das Leben. Es ist vielseitig und bunt. Du bist im Moment im Grau gefangen, doch es ist dir frei, die Brücke zu nutzen!”
Ich stehe da und schaue auf die Brücke. “Aber wie?”
Die Stimme flüstert:”Der erste Schritt muss von dir kommen, geh auf die Brücke zu, es wird viele helfende Hände geben. Schlag sie nicht weg, vertraue und lerne zu leben. Lerne zu erzählen, was in dir arbeitet, dich verstummen ließ! Es ist ein langer Weg, doch der Anfang ist diese Brücke!”

Fotograf: ML – Photo
https://www.facebook.com/ml.photo.nrp/
Bildbearbeitung: ML – Photo
Text: Anja Corinna Wegst


(06.04.2018 – Mein Haus)

HeartMirror Photography 35

In meinem Haus sind sehr oft die Rollos unten.
Eigentlich ist es ein schönes Haus, ein Haus in dem Wärme und Geborgenheit keine Fremdwörter sind. Es ist oft heimelig warm, Gäste sind willkommen und die Türe steht immer zur Hilfe offen. Sicher, es hat hier und da über die Jahre einiges ertragen müssen. Die äußeren Bedingungen haben den Putz stellenweise bröckeln lassen und der Glanz ist nicht mehr wie beim Neubau damals.

Hin und wieder werden Risse ausgebessert, ein wenig Farbe gepinselt und ein paar Instandsetzungsarbeiten durchgeführt.
Ok, es ist auch so, dass ich sehr viel selbst mache, daher ist nicht alles fachgerecht und hält nicht immer Jahre lang, sondern muss bald wieder nach- und ausgebessert werden.

Die Türe hat alleine schon einiges hinter sich, oft ging ich durch sie durch, um erst viel später wieder zurückzukommen.
Das Haus hat verschiedene Räume. In einem kann man sich austoben, an sämtlichen Geräten die Wut heraus lassen, in einem anderen merkt man die Wärme, die Geborgenheit und den Schutz bereits beim Betreten und in wieder einem anderen kann man einfach so sein, wie man möchte.

Natürlich werden meine Gäste auch meine Regeln mittragen müssen, das ist nun einmal so und wer das nicht kann oder möchte, der muss leider auch die Konsequenz tragen, kein Gast sein zu dürfen.
Leider ist es kein glanzvolles Haus, keine Villa, es ist aber nun einmal ein Teil von mir, ein Domizil meiner körperlichen Hülle und mein zu Hause, das früher mal anders war, als es heute ist, aber ich werde es behalten und kann auch nicht einfach ausziehen und ein neues suchen, das geht leider nicht.

Warum das nicht geht?
Nun, es ist das Haus meiner Seele und die Eigentümer sind zu zweit. Der eine bin ich, der andere ist die Depression und unser Vertrag gilt ohne Kündigungsrecht meinerseits ein Leben lang.

In der Klausel steht jedoch klein gedruckt:
“Dir wird auferlegt, deinen Gästen immer eine Stütze sein zu können, Halt und Schutz zu schenken und eine Mauer für andere zu sein, jedoch wirst Du die Fähigkeit niemals für Dich selbst erlangen. Das ist der Preis, den Du einmalig an mich zahlen wirst und in dessen Gegenzug Du eine Heimat erhalten wirst, die es Dir ermöglich zu überleben.”

Wir haben eines Tages ohne Datum beide unterschrieben.

Gezeichnet, die Depression.

Fotograf und Bildbearbeitung: HeartMirror Photography
https://www.facebook.com/heartmirror.photography/
Text: Soulfuck
https://www.facebook.com/soulfck/

 

2 thoughts on “Artikel

  1. Was für ein toller Blog! Danke für deine Offenheit. Oft sehe ich in deinen Texten wie in einen Spiegel. Das ist genau das, was wir brauchen. Raus aus dem Stigma, denn wir machen uns doch selbst schon genug Vorwürfe. Darum zu kämpfen, das ist etwas, wozu es sich zu leben lohnt. Mach weiter, bitte.

    1. Hallo Frances.
      Danke für Dein Kompliment. Hinter Dirk Ludwigs Projekt “Gib Depressionen ein Gesicht” steht natürlich ein ganzes Team und sehr viele großartige Menschen stellen uns ihre Texte und Bilder dafür zur Verfügung. Ihnen allen ist es mit zu verdanken, das Gib Depressionen ein Gesicht so besteht, wie es ist. Wir werden uns weiterhin große Mühe geben und viel Herzblut investieren, um unsere Unterstützung zu geben und bei der Entstigmatisierung zu helfen. LG

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