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(23.06.2017 – Angst)

Wolfgang Honzejk ArtFotografie 11

Der ein oder andere hat es vielleicht auch erlebt: du liegst am Boden, glaubst dein Ende naht. Aber irgendwie berappelst du dich doch wieder. Sortierst die Scherben, entrümpelst dein Leben, fängst an die Zukunft wieder in Farben zu sehen anstatt schwarz/weiß.
Und dann ist diese Zukunft da. Genau die, auf die du jahrelang hingearbeitet und gefiebert hast. Und plötzlich ist die Angst wieder da.
Also wird die Maske wieder aufgesetzt. Die Maske der freundlichen, motivierten und selbstbewussten Mitarbeiterin. Einer Mitarbeiterin, die weiß, was sie in kürzester Zeit noch lernen muss und überzeugt ist, dass sie das mit Leichtigkeit schafft.
Aber das bin ich nicht. Diese Mitarbeiterin trägt meinen Namen. Ihre Maske sieht aus wie mein Gesicht. Ansonsten haben wir nichts gemeinsam. In meinen Augen blitzt kein Selbstbewusstsein. In meinen Augen ist nur Angst. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst, nicht schnell genug zu lernen. Angst zu scheitern. Und vor allem Angst entdeckt zu werden. Angst, dass jemand hinter die Maske sieht.
Also bin das doch ich mit dieser Maske? Ich weiß es nicht. Wer ich bin? Gerade weiß ich es nicht.

Fotograf und Bildbearbeitung: Wolfgang Honzejk ArtFotografie
https://www.facebook.com/WHArtFotografie/?fref=ts
Text: Britta Hohmann


(22.06.2017 – Zeitflug)

Model NN 114

Hallo mein Freund, ich bin gekommen, um mit Dir zu reden. Wie lange kennen wir uns schon, sind es 30 Jahre, 32 oder 36? Oft war ich zu Besuch, hauchte deinen Gedanken Leben ein. Brachte dir Gedankenfetzen, Ideen und setzte die in deinen Kopf. Es gab Zeiten, da war ich nicht da, kam selten vorbei, und wenn Du mir die Tür geöffnet hast, sagtest Du mir „Nur kurz ich habe keine Zeit“ seit gut 2 Jahren ist es anders, ich komme, wann ich will, habe einen Schlüssel zu deinem Heim. Seit 2 Jahren habe ich deine Welt grau gemacht. Gefällt es Dir? Teilweise war auch schwarz dabei, ich habe für Dich gesorgt, habe Menschen aus Deinem Leben entfernt und alles konntest Du hinterfragen. Du Konntest durch mich Menschen verlassen, Dich zurückziehen und schreiben. Ja mein Freund ich habe Dir das, schreiben beigebracht, schon als Kind war ich da, erinnerst Du dich an die kleinen Gedichte und Geschichten? Wenn ich daran denke habe ich Tränen im Auge, Du warst auf einem solch guten Weg.
Deine Gedanken waren dort schon so dunkel und vor Kurzem war es wieder so. Vor Kurzem mein Freund war ich glücklich, Du hast mich glücklich gemacht und kurz vor dem Ziel, willst Du mir die Tür vor der Nase zuschlagen? Nein mein Freund zu viel Kraft, Zeit und Nerven habe ich investiert, ich habe alles daran gesetzt, um es Dunkel werden zu lassen. Nun kommst Du auf die Idee, dass die Welt schön ist, dass es Dinge gibt, die dir gut tun. Dass Du die Vergangenheit, die ich erfolgreich als die Bremse für dein Leben einsetze, endlich beendet sein muss. Diese Schreibweise von Dir gefällt mir nicht, nimm deine Maske und lebe im Dunkel. Niemand mein Freund mag Dich, ich bin der Einzige, der immer da war. Nimm die Fetzen an Gedanken und denke sie weiter. Schau aus dem Fenster, siehst Du, wie trübe der Tag ist, wie die Bäume ächzen unter dem Druck des Sturms? Ja genau, halt nein ich meine nicht die blauen Stücke Himmel, die der Wind in die Wolken reißt, nein auch nicht die Sonne, nein halt bleib hier, geh nicht zum Fenster. Wo willst Du, Du kannst nicht einfach gehen …
Bleib hier, ich brauche Dich …

Fotograf und Bildbearbeitung: Dirk Ludwig Fotografie
https://www.facebook.com/dirk.ludwig.fotografie/
http://dirk-ludwig.de/
Text: Horst Von Bär
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasgestern/


(21.06.2017 – Die Vorfahren)

SilentHarmony Photography 2

Immer wieder begegne ich in meinem Leben Menschen, die ihre Vorfahren für Dinge verantwortlich machen, die in ihrem Leben nicht so gelaufen sind, wie sie es gerne gehabt hätten. Die viel erlebt haben und sagen, sie hätten negative Dinge erlebt und sind deshalb heute so, wie sie sind. Sie suchen die Verantwortung in der Vergangenheit, weil sie selbst nicht die Verantwortung für sich und ihr Handeln übernehmen möchten. Meine Antwort darauf ist stets dieselbe, denn das ist meine feste Überzeugung: „Du bist jetzt erwachsen, hast die Dinge selbst in der Hand und kannst über deine Zukunft entscheiden.
Wenn dich etwas stört, dann ändere das, anstatt dich aus der Verantwortung zu ziehen und darauf auszuruhen, dass dir in dieser Hinsicht nicht die optimalen Bedingungen den Weg bereiteten. Natürlich ist das schwieriger, aber du hast nun die Chance etwas zu verändern!“ Ich denke, es geht nicht nur um die eigenen Kinder, sondern um das Hier und Jetzt und um die nachfolgenden Generationen. Wenn jeder in seinem Umfeld das tut, was er für richtig hält, Werte hat und diese vermittelt, Dinge in die Hand nimmt und ändert, andere Menschen so behandelt, wie er/sie selbst es sich wünscht behandelt zu werden, dann wären wir ein ganzes Stück weiter und würden die Entwicklung vorantreiben und für nachfolgende Generationen als Vorbilder fungieren.
Wenn diese dann Ähnliches tun und natürlich gibt es da verschiedene Überzeugungen und Möglichkeiten, aber das ist das Gute an Veränderung und Entwicklung- dann geht es voran. Niemand kann und wird allein die Welt retten und dafür sind die Menschen auch zu verschieden, sodass es keine Lösung gibt, die für alle Menschen adäquat wäre. Aber aus den Erfahrungen der Vorfahren zu lernen und Dinge zu verändern, die uns gestört und negativ beeinflusst und Spuren hinterlassen haben, kann unsere nächsten Generationen davor bewahren, dass dieselben Fehler erneut gemacht werden.

Fotograf und Bildbearbeitung: SilentHarmony Photography
https://www.facebook.com/SilentHarmonyPhotography/?fref=ts
Text: Alena


(20.06.2017 – Gedanken)

newpix The woman next door

Manchmal lese ich, dass die Betroffenen ihren Depressionen dankbar sind, weil sie sonst nicht da wären, wo sie jetzt sind.

Wo sind sie denn jetzt?
Ich bin seit Jahren in meinen eigenen Grenzen gefangen, zu unflexibel oder zu engstirnig um meinen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Sehr oft von Dunkelheit umgeben, wobei es die Freude in meinem Leben nicht mehr an die Oberfläche schafft.
Liebe?
Ja, ich glaube Liebe ist noch vorhanden.
Liebe für meinen Mann, meinen Sohn, meine Familie. Sie geben ganz viel Liebe zurück, die mein Herz nicht erreicht. Es ist wie: Sie lächelt aber das Lächeln erreicht ihre Augen nicht. Ich setze die Lächel Maske auf, damit ich mein Gegenüber nicht belaste, damit mein Gegenüber nicht in meine Dunkelheit hinein gezogen wird, damit ich nicht gefragt werde, wie es mir geht – was denn los sei oder um mich vor Ratschlägen zu schützen.
Wie es mir geht?
Ich versuche zu überleben, für meinen Mann und für meinen Sohn, jeden Tag. Vielleicht, wenn man die Depression überwunden hat,  wenn man die innere Leere füllen kann, wenn sich die Dunkelheit erhellt, wenn sich ein Gefühl der Zufriedenheit einstellt, vielleicht ist man dann seiner Depression dankbar?

Werde ich dieses Gefühl, diesen Zustand jemals erreichen können?
Ich weiß es nicht!

Fotograf und Bildbearbeitung: newpix
Text: Beate Schrader
Model: The woman next door
https://www.facebook.com/thewomannextdoormodel/?fref=ts


(10.06.2017 – Gebogen)

Daniel Wagner

Als ich klein war solltet ihr mich formen und nicht verbiegen. Fast gebrochen unter der Last der Worte, gewunden unter der Last der Aufgaben, verbogen um euch zu gefallen. Gedreht in die Richtung die euch hätte gefallen können. Immer weider gedreht mit dem Ziel zu werden was euch gefällt. Diese Schreie an Kinderohren, meine Seele schon früh verloren Nie erreicht euer hohes Ziel, Worte, Last und Drohungen waren zu viel. Wild gedreht und nur verbogen, heile Kindheit ist gelogen. Habt ihr niemals es geschafft mich zu biegen wie es passt.
Heute hab ich Rückenschmerzen, kalt ist es im Kindesherzen. Kann mich selbst nicht wirklich lieben, hab dadurch schon viele Menschen vertrieben. Sehe euch mit anderen Augen, keinem von euch kann ich noch glauben. War es denn in eurem Sinn das ich einsam heute bin? Eins muss ich euch ehrlich lassen, kann es kaum in Worte fassen, schöne heile Kinderwelt, in meinen Gedanken komplett zerstört.

Fotograf und Bildbearbeitung: Daniel Wagner
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasg


(06.06.2017 – Depressionen)

HeartMirror Photography 17

Depressionen sind scheiße. Depressionen nehmen dir jede Lebensfreude und jede Hoffnung. Sie machen mutige Menschen von jetzt auf gleich zu verängstigten. Sie rau-ben dir den Schlaf oder lassen dich nicht mehr richtig wach werden. Sie nehmen dir den Appetit oder zwingen dich, alles in dich reinzustopfen. Sie lassen dich nicht mehr kon-zentriert denken, sie lassen dich aber auch nicht mit dem Denken aufhören. Sie gau-keln dir vor, deine Arme und Beine wären über Nacht mit Blei gefüllt worden. Sie be-haupten, dass Freunde und Familie genervt von dir sind. Dass die Bindungen, die du zu deinem engsten Umfeld hast, zerbrechlich sind. Und dass das deine eigene Schuld ist. Überhaupt, bist du schuld am ganzen Elend der Welt und stehst gleichzeitig komplett machtlos davor. Sie bringen dich tatsächlich dazu zu glauben, dass die Welt ohne dich besser dran ist. Das ist wohl das Schlimmste.

Es ist niemals leicht. Es ist sogar schwer, jeden Morgen eine Maske aufzusetzen, ohne die ich mich nicht unter Menschen traue. Die Maske der „normalen“ jungen Frau, die gerade dabei ist, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Es ist schwer, in der Schule aufmerksam zu sein, wenn man nur schlafen oder sich wenigstens verkriechen will. Wenn der Kopf einem sagt, dass das alles eh sinnlos ist. Es ist schwer, im Büro mit Menschen zusammenzuarbeiten und ständig Angst zu haben, als depressiver Mensch enttarnt und verurteilt zu werden. Schwer sich zu konzentrieren, wenn der Kopf mit Blei gefüllt ist. Wenn andere nachmittags nach der Schule oder Arbeit erst in den Tag star-ten, dann ist, meiner zu Ende. Weil ich die ganzen Eindrücke, Menschen, Stimmungen und Informationen aus 8 Stunden Schule oder Büro scheinbar nicht so verarbeiten kann wie andere.

Oft fühle ich mich deswegen schlecht und wertlos. Aber im Großen und Ganzen haben die Depression und ich einen Deal:

Sie darf da sein. Sie darf mich mein Leben lang begleiten, denn ganz verschwinden wird sie eh nie. Sie darf mich auch umwerfen, wenn es sein muss. Denn die Depression passt auf mich auf. Sie passt auf, dass ich mich und meine Gefühle ernst nehme. Sie passt auf, dass ich meine Grenzen respektiere und sie nicht ständig anderen zuliebe übertrete. Sie passt auf, dass ich den Kontakt zu mir selbst behalte. Und sie passt auf, dass ich mein Leben führe, und zwar so, dass es zu mir passt. Auch wenn das nie-mals in die Schublade „normal“ passen wird. Ich bin halt anders. Wenn ich diese Re-geln nicht beachte, dann wirft mich die Depression um und hält mich am Boden. Und zwar so lange, bis ich verstanden habe, dass ich was ändern muss. Dass ich einen fal-schen Weg gewählt habe, den ich korrigieren muss. Und bis es wieder in meinen Kopf ist, dass dies MEIN LEBEN ist und es auch nur mich etwas angeht, wie ich das gestal-te.

Von daher: ja, Depressionen sind scheiße. Aber meine hat wenigstens eine Funktion. Ich musste nur erst lernen, ihre Sprache zu verstehen.

Verstehst du deine?

Fotograf und Bildbearbeitung: HeartMirror Photography
https://www.facebook.com/heartmirror.photography/
Text: Britta Hohmann
Model: Chrissy Gaß


(04.06.2017 – Weihnachten – die Herausforderung)

Project blowball 5

Weihnachten, das Fest der Liebe und der Familie – normalerweise ist der übliche „Weihnachtswahnsinn“ zwar anstrengend, aber auch schön, die ganze Familie zu sehen, das Leuchten in den Augen der Kinder zu entdecken, und den Zauber vom Christkind zu spüren.

Heuer war Weihnachten eine Herausforderung durch und durch! Seit der letzten Therapie ist Dominik sehr aufgewühlt. Er ist unruhig, „sein Rad dreht sich permanent“, wie er so schön immer sagt. Die „schlechten Tage“ überwiegen. Menschen sind ein riesengroßes Problem und man hat das Gefühl, er kommt nie zur Ruhe. In diesem Rad der Gedanken, Ängste und der Selbstisolation, das besinnliche Weihnachten zu finden und den Kindern ein wunderschönes Weihnachtsfest zu schenken – es bleibt an mir. Dominik hatte große Mühe für die Kinder „normal“ zu wirken.

24.12.2016 – Schon seit Wochen übt unsere Jungschar für das Krippenspiel für die Kindermesse. Unsere Große hatte die tragende Rolle eines Schafes. Sie freute sich darauf, war stolz, Teil davon zu sein. Nachdem die Kindermette aber immer gut besucht wird, die Kirche ist voll, musste Dominik zu Hause bleiben. Zu groß war die Angst vor der Menschenmasse. Die Angst davor, dass er danach den Heiligen Abend mit der Familie nicht mehr klar verbringen könnte. Die Enttäuschung war unserer Großen anzusehen, dass Papa nicht ihr Krippenspiel ansehen konnte. Am Weg zur Mette versuchte ich alles in meiner Macht Stehende, ihr die Enttäuschung zu nehmen. Sie war verständnisvoll, aber trotzdem enttäuscht. Ich versprach ihr, Papa alles im Detail zu erzählen und dass ihr Bruder und ich dafür doppelt laut applaudieren werden. Das Krippenspiel war toll und die ganze Kindermette war wunderschön und sehr weihnachtlich gestaltet, ein Hauch von Weihnachtsstimmung, die wir drei aufnehmen konnten.

Nach der Mette wurden wir auf Punsch eingeladen, aber auch das mussten ich zur Enttäuschung der Kinder ablehnen. Dominik wartete ja zu Hause auf uns. Als wir heimkamen, leuchteten endlich die Kinderaugen. Dominik hatte in der Zwischenzeit eine Lichterkette auf der Terrasse aufgehängt und eingeschaltet. Für unseren Sohn der eindeutige Beweis, dass das Christkind schon da war. Nachdem wir heuer nur zu viert Weihnachten feierten, da mein Vater krank wurde, war alles ruhig, fast ein bisschen zu ruhig für meinen Geschmack.

25.12.2016 – Dominik war schon seit der dem Aufstehen durch den Wind, ein richtig mieser Tag. Gerade heute, wo seine Familie eingeladen war. Die Vorbereitungen für das Weihnachtsessen beanspruchte mich, die Kinder waren vor lauter Vorfreude kaum zu zähmen. Zwischen 16:00 und 17:00 Uhr sollten seine Mama und Oma, sowie sein Bruder und dessen Freundin kommen. Dominik wurde immer angespannter und es ging ihm immer schlechter. Seine Oma und seine Mutter kamen als Erstes. Dominik ging es immer schlechter und ich hatte das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, um ihn wieder etwas „runter zu holen“. Unsere Große packte das Cello aus, um Oma und Uroma etwas vorzuspielen. Die Musik machte Dominik ein wenig gelassener. Um die Wartezeit auf Philipp und Eva zu überbrücken, packte ich die Gitarre aus, und als Beatrice mit dem Vorspielen fertig war, spielte ich Gitarre und sang mit den Kindern um die beruhigende Wirkung der Musik weiter leben zu lassen. Das funktionierte eigentlich gut, bis Dominiks Mutter und Oma vor Rührung zu heulen begannen. Der beruhigende Flow der Musik war zerstört. Junior war völlig verwirrt und verstand die Welt nicht mehr. Es ging einfach nur chaotisch weiter. Zwischendurch schaute ich immer zum Essen, die Kinder aufgeregt und hungrig, endlich kamen Philipp und Eva.

Nach der kurzen Weihnachtsfeier, die Bescherung. Die Kinder waren enorm glücklich über die Geschenke. „Jetzt noch das Essen servieren!“, dachte ich. Die Verwandtschaft plauderte gemütlich, Dominik saß daneben, irgendwie überfordert mit der Situation. Immer wieder holten mich die Kinder aus der Küche, brauchten Hilfe, oder wollten spielen. Ich beeilte mich mit dem Weihnachtsmenü und servierte die Suppe und danach die Hauptspeise. Jetzt endlich konnte ich nach dem Tisch abräumen, den Kindern den Wunsch erfüllen, und mit ihnen eines der Gesellschaftsspiele, die das Christkind gebracht hatte, spielen. Die Verwandtschaft unterhielt sich gut, nur Dominik machte mir Sorgen, denn er schien immer abwesender. Aber ich konnte mich nicht zerteilen und in erster Linie, musste ich den Kindern ein schönes Fest bereiten. Dominik musste warten.

Nach dem ersten Gesellschaftsspiel servierte ich die Nachspeise und kurz darauf verabschiedeten sich die Gäste. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich glaube ich, keine fünf Sätze mit unseren Gästen gesprochen. Ich fühlte mich ehrlich gesagt etwas überfordert mit der Situation, aber ich habe es geschafft, trotz alle dem, den Kindern ein schönes Weihnachtsfest zu machen.

Am Abend überlegten wir noch lange hin und her, wie der nächste Tag werden sollte. Am 26. ist immer unser Familientreffen und meine Verwandtschaft ist groß, daher beschloss Dominik, zu Hause zu bleiben. Es war sozusagen, das kleinere Übel, denn alleine zu Hause zu sein, fällt ihm auch schwer. Ich musste also wieder den Kindern erklären, warum Papa heuer nicht mitfährt. Sie sind wirklich unglaublich verständnisvoll, aber man merkt, dass es ihnen nicht egal ist.

Auch die ganze Familie fragte mich natürlich, wo Dominik sei. Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen, die ich schon lang nicht mehr sah, waren da und ich versuchte einfach, den Nachmittag zu genießen, obwohl ich sehr angespannt war, da ich nicht wusste, wie meine Familie auf „Project blowball“ reagieren würde. Dann geschah aber mein kleines persönliches Weihnachtswunder.

Als Erstes sprach mich meine Patentante an, die ihre Hilfe anbot und auch schon Ideen hatte, wie sie uns vielleicht helfen könnte. Sie fragte auch mich, wie es mir in der derzeitigen Situation geht – eine ungewohnte Frage, aber es tat gut.
Auch meine Cousinen und Cousins wollten plötzlich alles wissen. Sie hinterfragten vieles und auch diese überlegten sofort, wie sie uns helfen könnten, und sprachen mir viel Mut zu, um weiterzumachen.

Die psychischen Erkrankungen sind nicht nur Teil von Dominik, sie veränderten das Leben unserer Familie. Gerade Weihnachten konnten wir alle vier spüren, wie weit es Teil von unserem Familienleben ist und wie viel Kraft es kostet, den Kindern ein Stückchen „Normalität“ zu schenken.

Fotograf und Bildbearbeitung: Project blowball
https://www.facebook.com/projectblowball/?fref=ts
www.project-blowball.at
Text: Project blowball


(03.06.2017 – Was geht im Kopf vor, wenn man Depressionen hat?
Eine kurze Geschichte als Erklärungsversuch.)

Julia Schmitter Photo

Ich sitze im Büro. Vor lauter Akten auf meinem Schreibtisch kann ich meine Tastatur kaum noch sehen. Gerade eben hat der Chef noch einen Stapel Akten gebracht mit dem Hinweis, dass die heute noch bearbeitet werden müssen. „Das schaffst du eh nicht.“, meldet sich mein Über-Ich. „Nie schaffst du das, was man von dir erwartet. Du bist einfach zu langsam und zu faul. Und die Hellste bist du auch nicht.“
„Ich kann nicht mehr“, sagt mein Es.“ Die letzten Wochen gab’s zu viele Überstunden. Und privat wollte auch ständig jemand was. Ich will nach Hause und mich ausruhen. Am besten sofort. Sonst breche ich bald zusammen. Ein paar Tage Pause, die Decke über den Kopf ziehen, dann geht’s wieder.“
„Das darfst du nicht“, meldet sich wieder das Über-Ich. „Deine Pflichten gehen vor. Nimm dich nicht so wichtig. Andere schaffen das schließlich auch. Woher nimmst du dir das Recht zu jammern?“

Und ich? Ich sitze an meinem Schreibtisch, umgeben von Akten, die bearbeitet werden müssen. Innerlich zerrissen zwischen Pflichtbewusstsein und Selbstfürsorge. Verunsichert und an mir selber zweifelnd. So sitze ich da und versuche eine Entscheidung zu treffen. „Soll ich eine Kollegin um Hilfe fragen? Soll ich heute Abend ein paar Stunden länger arbeiten? Was ist richtig?“ Und während ich da sitze und unfähig bin eine Entscheidung zu treffen, geht der Mittag in den Nachmittag über.
„Was soll ich tun?“ Es ist, als hätte ich ein Engelchen und ein Teufelchen auf den Schultern sitzen. Es wird still auf dem Flur. Die Kollegen haben längst Feierabend. Ich schalte den Rechner aus. Lösche das Licht und gehe nach Hause. Ich habe nichts geschafft. Ich konnte mich nicht entscheiden, womit ich beginnen soll.
Ich gehe nach Hause und direkt ins Bett. Am nächsten Morgen spreche ich in der Firma auf den Anrufbeantworter, dass ich krank bin. „Die sind eh froh, wenn ich nicht da bin. Ich schaff doch eh nichts. Keiner wird mich vermissen.“ Ich gehe wochenlang nicht zur Arbeit. Ich schäme mich. Irgendwann kommt die Kündigung mit der Post. „Ich wusste es ja, die brauchen mich nicht.“

Fotograf: Julia’s ƛƦϮ
https://www.facebook.com/JuliaSchmitterPhoto/
https://juliaschmitter.wixsite.com/julia-schmitter
Bildbearbeitung: Julia’s ƛƦϮ
Text: Britta Hohmann

2 thoughts on “Artikel

  1. Was für ein toller Blog! Danke für deine Offenheit. Oft sehe ich in deinen Texten wie in einen Spiegel. Das ist genau das, was wir brauchen. Raus aus dem Stigma, denn wir machen uns doch selbst schon genug Vorwürfe. Darum zu kämpfen, das ist etwas, wozu es sich zu leben lohnt. Mach weiter, bitte.

    1. Hallo Frances.
      Danke für Dein Kompliment. Hinter Dirk Ludwigs Projekt „Gib Depressionen ein Gesicht“ steht natürlich ein ganzes Team und sehr viele großartige Menschen stellen uns ihre Texte und Bilder dafür zur Verfügung. Ihnen allen ist es mit zu verdanken, das Gib Depressionen ein Gesicht so besteht, wie es ist. Wir werden uns weiterhin große Mühe geben und viel Herzblut investieren, um unsere Unterstützung zu geben und bei der Entstigmatisierung zu helfen. LG

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