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(22.08.2018 – Warum?)

NERO ALBUS photographie

Es gibt immer wieder Tage, wo ich mich frage “Warum?”
Ich kämpfe und doch habe ich das Gefühl, dass jeder Kampf umsonst ist. Man erreicht einen kleinen Sieg und schon ist das nächste Problem da und wieder geht es von vorne los. Eine Endlosschleife. Kann es denn nicht mal einfach sein?? Darf ich nicht auch mal Glück haben oder einfach mal was Positives erleben?
Oft weiß ich, nicht woher ich die Kraft noch nehmen soll, aber ich stehe trotzdem wieder auf. “Stehaufmännchen stehe auf und gehe deinen Weg, auch wenn er steinig ist und ein eisiger Sturm dir entgegen weht”! Gerade ist mir aber eher nach Liegen bleiben, einigeln und heulen. Zeigen darf ich das allerdings nicht. Leute ich hab eine Scheiß Angst vor den kommenden Wochen.

Fotograf: NERO ALBUS photographie
https://www.facebook.com/photographie.neroalbus/
Model : Ellen Dreier
Text: vonnken1977


(25.08.2018 – Chronisch)

Anonym

Ich habe dich gerettet.
Alles tat ich nur für dich.
Immer hab ich dich gerettet.
Die halbe Welt habe ich bereist und in allen Städten gelebt.
Im besten Job habe ich gearbeitet und Geld verdient.
Gefeiert habe ich und einige Drogen ausprobiert.
Allerlei Mädchen habe ich dir präsentiert.
Alles über die menschliche Natur habe ich verstanden.
Mein Horizont spannt ein Morgen- und ein Abendland.
Die Propheten sprachen zu mir.
Für dich, du feiges Schwein, hab ich das getan.
Damit du wieder aufstehst und die Augen öffnest.
Damit du wieder hochschaust und den Himmel siehst.
Damit du wieder Farben kennst in deiner grauen Welt.
Damit du den Alkohol und die Pillen niederlegst.
Damit du deine Frau einmal richtig liebst.
Damit du nicht im Leben schon ein Toter bist.
Alles tat ich nur für dich, Papa.
Ja, alles tat ich.
Aber die Zeit ist vorüber. Du wolltest nicht hören und nicht sehen. Du wolltest nichts mehr spüren.
Die Entscheidung akzeptiere ich und hätte es vor einem Jahrzehnt nicht verpassen sollen.
Dein Leben findet längst in der Traumwelt statt. Ich kenne sie nicht, aber ihre Pforte ist mir wohl vertraut.
Wenn das Opium dich sanft in den Schlaf trägt, dann steh’ ich neben dir und blicke in dein faltiges Gesicht.
Ich hoffe, dass du dort ungeheure Reisen erlebst.
Ich hoffe, dass du dort eine glücklichere Familie hast.
Eine Familie, die mehr Mitleid geben kann, als es unsere menschlichen Körper erlauben.
Ich hoffe, dass du dort den steifen Körper bewegst und über den Wolken fliegst wie ein junger Ikarus.
Aber am meisten hoffe ich, dass sich das alles lohnt für dich – all die Zeit, die du bei uns verpasst und uns treulos beschämst.
Zwei Stunden wachst du am Tag in unserer Welt und quälst dich wie ein angeschossenes Tier.
Aus dem Bettlager rollst du mühselig zum Essen, Trinken und für die verkrampfte Notdurft.
Dein angstverzerrter Körper riecht von innen heraus, als läge ein Todeskeim in ihm.
Oft schau ich weg und will mich verbieten, aber meine Sinne sind zu fein, um nicht alles zu greifen.
Im Schlaf siehst du glücklich und friedlich aus – fast wie ein Knabe mit frecher Miene.
Aber im wachen Zustand steht dir die Schuld in den schwarzen Zügen.
Ein himmlischer Zorn blitzt kurz durch die traurige Fassade.
Das Gute am Fühlen hast du nie begriffen, nur das Leid und den Schmerz gesehen.
Ich verstehe dich. Du bist verlassen. Ein Opfer des Schicksals willst du sein.
Dein Leid und deine Krankheit übertreffen uns alle.
Eine Leistung, die du täglich für uns vollbringst.
Doch schämen solltest du dich auch weiterhin – so schändlich deine liebsten Menschen zu missachten.
Wer gab dir über all die Jahre deinen Lebenssinn? Wer versorgte dich mit Geschichten und prügelte Freude in deine müden Glieder?
Warum glaubst du, dass du dich den Gesetzen verwehren darfst, die für uns gelten?
Alle stehen wir morgens auf und schultern unsere Lasten auf den Rücken.
Mit schweren Bürden läuft so mancher tanzend durch die Nacht oder hängt erschöpft in den Bussen und Bahnen. Auch Kranke können heilen.
Träume und Hoffnung habe ich in Körpern gesehen, die von Krieg und Schmerz gezeichnet wurden.
Und du maßst es dir an Papa? Du maßst es dir an, den leisen Rückzug zu wagen und dich langsam aufzulösen?
Wer tat dir das an? Die Krankheit – das glaube ich nicht.
Wer machte dich so schwach und so verletzlich? War dein Lebenssinn von klein auf schon gebrochen?
Aber wo war der Kampf? Wo ist er heute? Deine Angst – ich kann sie doch sehen.
Sie quält dich täglich und jede Zelle deines Körpers, um dich wach zu halten und in unserem Leben.
Wo die Verzweiflung sich eingenistet hat, muss eine Hoffnung verschüttet keimen. Sie muss!
In welcher Faser deines Körpers versteckst du sie? Warum gibst du sie nicht preis? Warum nicht!
Ich suche sie ja. Ich suche sie doch jeden Tag. Doch ist mein Körper bald zu schwach.
Nach Jahrzehnten fällt er müde zusammen und eine befreiende Gleichgültigkeit überkommt die Glieder.
Dein Funke glimmt zu schwach. Oder hab ich mich längst an ihm verbrannt?

Bild: Anonym
Text: S. D. Falke” https://www.facebook.com/sdfalke/


(28.08.2018 – Mein selbst erschaffenes Loch)

Sven Kretschmer

Ich fiel in ein Loch, das ich mir selbst erschuf. Mein fester Boden, auf dem ich mit zwei gesunden Beinen stand, verlor an Haftung.
Metaphorisch gesprochen ging ich einen Weg entlang und stolperte über loses Erdreich. Ich fiel und schlug auf einem kalten Boden auf. Ich hatte keine Kraft aufzustehen. Die Kälte aus dem
Boden kroch in meinen Leib und setzte sich in meine Knochen fest. Ich blieb liegen. Meine Kraft floh, je länger ich lag und darüber nachdachte, warum ich stolperte und dort hilflos lag.
Die Zeit verstrich und ich verlor mich in einer Traurigkeit, weil ich nicht verstand, warum ich fiel.
Eine dünne Eisschicht entstand zwischen mir und dem Erdreich und hinderte mich am Aufstehen. Es wurde zunehmend schwieriger. Ich bekam Angst aufzustehen, weiter zu gehen und
wieder zu fallen. Mir fehlten der Mut und die Kraft, einen zweiten Sturz zu überstehen. Mein Gesicht war gerichtet auf diesen kalten und harten Untergrund, daher sah ich nichts anderes.
Keine Lichtstrahlen erreichten mich, nur dieses dreckige, dunkle und farblose, Licht aufsaugende schwarze Loch, das sich unter meinem Gesicht abzeichnete.
Ich krallte mich an den vermeintlich sicheren Boden mit der Gewissheit: „Hier wird mir nichts passieren!“ und je länger ich lag, umso schwerer wurde mein Körper und das Aufstehen wurde zur
Qual. Ich fror fest und mein ganzer Leib klebte an diesem Boden.
Ein Martyrium. Ich blieb liegen und wartete auf ein Signal, eine Eingebung oder auf eine helfende Hand, keines davon erreichte mich. Alles wurde von dem schwarzen Loch verschluckt.
Ich kapselte mich von meiner Umwelt ab und scheute jeden menschlichen Kontakt, es wurde mir zuwider in meiner Umgebung Menschen zu ertragen. Ich suchte Ruhe und die Einsamkeit,
obwohl ich beides nicht ertrug.
Der Untergrund wurde weicher und begann mich zu verschlucken. Die kurz aufkommende Euphorie, die ich empfand, als der Boden weicher wurde und meine Bauchlage sich dadurch verbesserte, schlug in eine noch größere Angst und Mutlosigkeit um, denn ich versank!
Tag für Tag wurde das Loch größer und verschluckte mich, bis ich tief darin feststeckte. Jeder Versuch herauszuklettern, erweiterte den weichen, porösen Rand des Loches und ich hatte immer
weniger Chancen herauszukommen. Helfende Hände, die mir von oben gereicht wurden, erkannte ich nicht oder schlug sie weg, wie ungebetene Fliegen, die einfach nur existierten, um einem den
letzten Nerv zu rauben. Es schien, als könnte kein Mensch mir helfen.

Fotograf: Sven Kretschmer
Model : Momenta Somnia
Text: Alexander Wolf
https://www.facebook.com/projekt.sinnbild/


(29.08.2018 – Kennt Ihr?)

Olaf Raabe

Kennt Ihr den Begriff Depression? Oder in Neudeutsch Burnout? Und nicht zu verwechseln mit der Midlife-Crises.
Fühlen, was es bedeutet? Begreifen, dass kein Mensch morgens aufwacht und wie bei einer Grippe oder Kopfschmerzen plötzlich unter Depression leidet?
Und nicht vergleichbar mit einem Autounfall, in dem innerhalb von Sekunden physikalische Kräfte aufeinander stoßen, die auf den menschlichen Körper einwirken.
Diese Krankheit ist eine geistige Krankheit, die aus sich selbst entspringt.
Schleichend. Heimlich.
Ursachen?
Unzufriedenheit. Fehlende Wertschätzung. Unerreichte Ziele oder private Tragödien. Tod eines Familienmitglieds oder eines Kindes. Eine unheilbare Erkrankung. Unerfüllte Träume.
Sexuelle Nichtbefriedigung. Berufliche und persönliche Frustration, durch die einem die Lust geraubt wird, die schönen Dinge in seinem Leben zu erkennen.
Ihr verspürt keine Lust! Und habt keine Kraft! Der Wille fehlt. Ihr seht keinen Sinn dahinter.
Ihr seid schlecht gelaunt und keiner versteht Euren Missmut. Ihr habt selbst nicht verstanden, was mit Euch passiert. Ihr bemerkt nicht, das Ihr Euch von allen und jedem mehr und mehr distanziert. Die schlecht gelaunten Tage häufen sich. Und werden abgestempelt als „einen schlechten Tag“.
Jeder Tag beginnt mit der Angst, aufzustehen. Ihr erkennt keinen Nutzen, um den Tag zu bewältigen. Ihr isoliert Euch von der Gesellschaft und glaubt, Ruhe zu benötigen. Aber die Ruhe
ergibt keine Erholung, denn sie mündet in Einsamkeit. Ihr seid unter Menschen und fühlt Euch allein. Ihr seid einsam und fühlt Euch verlassen.
Ihr habt keine Kraft für Aktivitäten. Die Freude, der Spaß und das Glück sind abhandengekommen. Irgendetwas zieht Euch nach unten und hält Euch am Boden. Traurigkeit und Verzweiflung beherrschen Euer Denken.
Eingeschlossen. Ausgegrenzt von der Welt. Alleine.
Ihr ruft, keiner hört Euch. Ihr betet, keiner erhört Euch. Ihr fleht, keiner erlöst Euch. Gefangen, isoliert, eingesperrt und das, scheinbar, auf ewig.
Die Einsamkeit frisst Euch auf, bis nur noch die Hoffnungslosigkeit im Herzen wohnt. Alles hat eine Sinnlosigkeit, die keine menschliche Seele ertragen kann.
Das Licht schwindet und der letzte verzweifelte Versuch der Hoffnung wird von dem letzten Atemzug des Zweifels erstickt. Die Wärme weicht und verliert sich in der Umgebung. Ihr seid erschöpft und wünscht Euch ein Ende herbei. Den Tod

Fotograf: Olaf Raabe
Model: Anna Lena Engel
Text: Alexander Wolf


(30.08.2018 – Gefühllos)

Enrico

Ich wurde gefühllos. Mich suchte jeden Tag eine innere Unruhe heim. Ich fand in nichts meine Befriedigung. Ich kaufte mir materielle Dinge, um ein kurzes Glücksgefühl zu spüren. Meine innere Leere füllte sich von neuem und ich wurde wieder ausgehöhlt zurückgelassen.
Ein Vakuum, das keine Gefühle enthielt. Ich schlief mit meiner Frau, aber nur aus Selbstzweck. Ich spürte nichts. War abwesend. Die kleinsten Dinge, die mir früher Spaß machten und die ich mit Regelmäßigkeit machte, erschienen nicht erfüllend. Ich wurde stumpf und empfand keine Freude. Leer, hohl, immer hungrig, gepaart mit Apathie und einer tiefen Sorge um die Zukunft und mein weiteres Leben.
Ich grübelte und wurde nachdenklich. Ich aß und wurde nicht satt. Meine Umwelt machte mich krank.
Ich spürte, wie mich die Flut der Außenwelt überforderte. Mir wurde alles zu viel. Ich wollte doch nur Ruhe, aber bekam sie nicht. Ich wollte in allem einen Sinn erkennen! Aber erkannte ihn
nicht. Mein Gesicht zeigte Freude, aber ich spürte sie nicht. Meine Monotonie des Alltags fraß mich auf.
Ich begann, bei jeder Gelegenheit Wein zu trinken. Viel Wein, nur um meine Nerven zu beruhigen. Wein ist gut! Rotwein! Man zeigt damit Stil. Vermittelte seinen Mitmenschen einen kulturellen, intelligenten Menschen. Einen zielbewussten Mann, mit Idealen. Einen Genießer. Doch innerlich krank, tot und einsam.

Bild: Enrico
Text: Alexander Wolf


(04.09.2018 – Müde)
(TRIGGERWARNUNG: Selbstverletzendes Verhalten)

Ich bin müde. Nicht nur heute, jeden einzelnen Tag. Es ist eine Müdigkeit, die kein Schlaf der Welt bekämpfen kann, denn es nicht der mangelnde Schlaf der mich müde macht, sondern das Leben, mein Leben. Es fängt schon an, wenn ich morgens in den Spiegel schaue. Ich sehe keinen Menschen, ich sehe ein Monster, ich sehe das, was ich am meisten hasse, mich selbst. Ich sehe meine Fehler, meine Enttäuschungen. Sehe meine Erinnerungen, sehe das verletzte kleine Mädchen von damals, die pummelige Außenseiterin, die nirgendwo dazu gehört. Sehe die Jugendliche, die von allen gemieden wird, sehe das Mädchen, dass sich weinend in ihrem Zimmer versteckt, weil sie sich selbst nicht ertragen kann. Ich sehe die Studentin, die keine Kraft hat, um zur Universität zu gehen, die lügt und sich Ausreden einfallen lässt, sehe das Mädchen, dass zur Klinge greift. All das bin ich und ich hasse, was ich bin.

Schon immer habe ich geahnt, dass etwas mit mir nicht stimmt, doch ich wusste nie, dass es einen Namen hat, Depression. Jahrelang habe ich mich versteckt und beobachtet, wie ich immer mehr zerfiel. Ich konnte mein Leben nicht mehr kontrollieren, es war wie ein unaufhaltsamer Strudel, der mich immer weiter hinab zog. Ich hörte auf Dinge zu tun, die mir eigentlich Spaß machten und Dinge, die ich hätte tun sollen schob ich immer weiter von mir weg und erledigte sie doch nicht. Jeden Tag wurde es schlimmer und ich fühlte mich dem Tod näher als dem Leben. Fühlte mich leer, gefühllos. Die Klinge wurde mein Ventil, mein größter Fehler, meine schlimmste Sucht, denn erst wenn Blut meine Haut hinunterlief wusste ich, dass ich noch am Leben war. An viel zu vielen Tagen jedoch spielte ich mit dem Gedanken genug Blut zu vergießen, um diesem Elend ein Ende zu setzen.

Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich all diese Verzweiflung, spüre all diesen Hass. Doch wenn ich den Kopf von meinem Anblick abwende setze ich meine Maske auf. Niemand soll all das in mir erkennen und nur derjenige, der genau hinschaut wird das falsche Lächeln auf meinen Lippen enttarnen und die Tränen in meinen Augen sehen. Depression, ein Wort, das einfach klingt, aber um so viel komplizierter ist. Sie ist unberechenbar und hinterlistig. Sie schleicht sich an und hüllt dich in einen schwarzen Schleier. Menschen, die sie haben, verstecken sich hinter einer Fassade aus Glück und Harmonie. Niemand, der eine Depression nicht selbst erlebt hat weiß, wie es sich wirklich anfühlt, aber das macht sie nicht weniger real…

Bild: ‘Kälte'(2017)
Aquarellstifte,Acrylfarbe
36 cm x 48 cm
https://www.facebook.com/finken201
Text: VICTORIA HOFFNUNG
facebook.com/Hoffnungsschatten


(05.09.2018 – Dunkle Vision)
(TRIGGERWARNUNG: Suizidgedanken)

Erneut stürze ich hinab in die Finsternis.
Tiefe, schwarze Dunkelheit umfängt gierig und geifernd meine Seele. Auf ewig gefangen bin ich, gefesselt und geknebelt mit Ketten aus Angst. Gefoltert und gepeinigt von Scham, hinweg durch unendliche Wüsten der Zeit. Blankes Grauen und Entsetzen, verkümmert und verkrüppelt ist mein Geist. Ohne Unterlass stirbt alle Hoffnung, gewaltsam zerrissen und wiedergeboren, nur um von neuem qualvoll der flammenden Vernichtung anheim zu fallen.
Der Tod, der wunder- und verheißungsvolle Frieden der Ewigkeit lockt mich.
Er erscheint strahlend und unvergleichbar schön, ein barmherziges Ende. Soll ich ihn ergreifen, ihn umarmen und endlich Einzug halten in der Unendlichkeit des Nichts? Bald schon glaube ich, dass mich die gütigen Arme des Todes sanft umschließen und mich forttragen in eine bessere Welt. – Ich möchte es geschehen lassen.
Doch, – eine Frage hindert mich: Was ist hinter dem Schleier der die Ewigkeit verhüllt?Ein Teil von mir wünscht sich das es endet. Das Leid, die Angst, – das alles aufhört.Doch auch dieser Weg ist nicht der meine. Gefangen bin ich in Zeit und Raum, unzerstörbar sind die Ketten und Schlösser des Kerkers der mein Leben ist. Den Rest meiner Existenz werde ich in ihm verbringen, zerrissen zwischen Hoffnung und Agonie. Ich
falle durch die Jahre und Jahrzehnte, sehe hilflos wie mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt.
Dann schließlich kommt es. Das Ende aller Dinge. Was bleibt ist, – tiefes bedauern.

Fotograf: Stephan Pietzner
Text: Sebastian Peschl


(10.09.2018 – Kennst du das?)

Wenn du dich selbst ansiehst und die Narben auf deinen Armen herausstechen? Kennst du das, wenn man sich in der Öffentlichkeit mit einem kurzen T-Shirt unwohl fühlt, weil man alle Blicke auf sich zieht? Und man sich eigentlich nur denkt >Seht mich nicht an, seht mir nicht hinterher, fixiert eure Blicke auf etwas anderes, ich möchte doch gar nicht gesehen werden<
Kennst du das, wenn man von kleinen Kindern angesprochen wird und man eine Abenteuergeschichten erzählt? Aber man kann das doch seinen eigenen Kindern nicht erzählen, wenn die so alt sind wie ich gerade?
Kennst du das, wenn man auf die Arme anderer Leute sieht, weil man vermutet, dass diese auch irgendwo Narben wie ich haben könnte?
Kennst du das, wenn du aus dem Haus gehst, die Türe hinter dir schließt und dich wohl fühlst? Dir ist dieses Gefühl total unbekannt? Du ziehst deine Weste aus und alle starren dich mit ihren großen Augen an? Kennst du das, wenn man dann am liebsten verschwinden möchte?
Aber weißt du, dass man sich deshalb nicht verstecken muss? Weißt du, dass dies zu dir gehört, wie deine Augen, deine Nase und dein Mund? Weißt du, dass du auch mit diesen Narben wundervoll bist? Nein? Dann sag ich es dir jetzt, denn ich musste es selbst erst lernen und bin in dieser Sache selbst noch kein Meister.

Bild: Wishmistress
Text: leoonnniiee (instagram)


(16.09.2018 – Gib der Depression ein Gesicht)

Ein Gesicht soll ich der Depression geben. Welcher Depression? Meiner eigenen? Von dem Gesicht der Depression kann keine Rede sein, sie streckt mir eine hässliche Fratze entgegen. Ein verzerrtes, entstelltes Gesicht, wenn überhaupt.

Ich mag diese Fratze nicht ansehen, ich verberge mich vor ihr, Angst, Panik, elendes Leben, ich wünsche mir ein Schneckenhaus, in das ich mich zurück ziehen, mich verstecken kann. Die Fratzen-Person steckt ihre Krallen nach mir aus, Schmerzen verspüre ich nicht nur in der Seele, auch im Körper. Ich bin wie gelähmt, unfähig zu leben oder etwas Sinnvolles zu tun. Alles ist blockiert. Befreiende Tränen würden mir etwas Erleichterung verschaffen. Ausgetrocknet bin ich. Wenn ich die Kraft hätte mich zu ärgern, würde ich mich über die Ratschläge, gut gemeinter Helfer ärgern. Wenn sie nur schweigen würden und sich zu ihrer Hilflosigkeit bekennen würden. Schreien möchte ich, doch die Kehle ist wie zugeschnürt nur ein tonloses Grunzen bringe ich hervor. Ich schäme mich und krieche noch tiefer unter meine Decke.

Werden andere Zeiten kommen, bessere, leichtere Zeiten? Ich wünsche mir eine Hand, die sich nach mir ausstreckt, mich aus dem Schlamassel zieht. Werde ich die Hand ergreifen können oder habe ich auch dazu keine Kraft?
Meine Depressions-Laufbahn sagt mir, dass irgendwann ein winziges Licht auftaucht. Dann werde ich versuchen, mich langsam, unbeholfen aus meiner Verkrümmung zu lösen. Meine ungläubig blinzelnden Augen erkennen kleine Lichter. Ganz langsam gewöhne ich mich an das Licht.
Mein Gott, endlich…!

Bild: Cheeky Cherry Art
https://www.facebook.com/JessyScharfenberg/?ref=bookmarks
Text: Rosemarie Dingeldey,
Autorin des Buches Buch, dass sie über ihr Leben mit ihrer Krankheit (Psychosen, Bipolare Erkrankung) geschrieben hat
„Es war, als würde ich fallen. Leben mit einer psychischen Erkrankung.“ Neufeld Verlag 2011, 2. Auflage 2014.


(19.09.2018 – Kennst du das?)

Da gibt es immer die, die dich klein halten wollen, um selbst größer zu sein. Die, die dir Steine in den Weg legen, weil ihnen selbst oft Steine in den Weg gelegt wurden. Die, die dich nieder machen, weil sie sich selbst klein fühlen. Die, die Autorität nutzen, weil ihnen die Gründe fehlen. Die, die die Macht brauchen für ihr Selbstbewusstsein. Die, die dir nichts gönnen, weil sie es selbst nicht hinbekommen. Die, die dir die Schuld zuweisen, weil sie selbst zu unsicher sind, um zu ihren Worten zu stehen. Die keine Verantwortung tragen wollen.
Doch die Frage ist, geht es ihnen besser, weil es dir dadurch schlechter geht?! Haben sie selbst mehr Erfolg, nur weil sie deinen klein reden?! Sind sie nicht selbst die, die hilfloser sind als du?!
Es hat nichts mit dir zu tun, sondern mit ihnen selbst. Konkurrenz und Missgunst sind nicht die Dinge, die uns vorantreiben und wachsen lassen.
Es sind Zusammenhalt, Verantwortung, Worte hinter denen auch Taten stehen, Unterstützung, Wertschätzung, Weiterentwicklung, Achtsamkeit gegenüber sich selbst und Austausch.
Wenn ich all dies rational betrachten kann. Wenn ich mich abgrenze, unter diesen Bedingungen. Wenn ich genau, das sehe, was voran treibt und fördert. Wenn ich die Not hinter diesem Verhalten sehe, das andere klein hält.
Dann werde ich selbst ganz groß. Auch unter schwierigen Bedingungen.

Fotograf: Reiner Ott
Text: Alena