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(16.08.2017 – Seelenschiff)

Kerstin´s Fotokiste Daniel Wagner 1

Da fährt es das Schiff mit verletzten Seelen, mit Tausenden von Narben und ohne Ziel der Nacht entgegen. Getrocknete Tränen in den Gesichtern, jederzeit bereit die trockenen Wangen mit frischem salzigen Wasser zu befeuchten. Traurig stehen Menschen an der Reling und schauen in das dunkle Meer, ohne Hoffnung eines Tages wieder das Helle zu sehen. Niemand redet und still starren sie in die Dunkelheit, die jeden umgibt. Blicken in das grau der eigenen Seele und versuchen zu vergessen, welche Qualen sie erleiden mussten. Ab und zu springt einer der Passagiere über Bord und sinkt auf den Meeresboden und Millionen Liter Wasser begraben seinen Körper. Das Schiff fährt weiter ohne das ein Passagier, als vermisst gemeldet wird.
Auf zum nächsten Hafen, wo weitere verletzte Seelen das Schiff betreten. Nur ganz selten durchdringt ein weißes Kleid oder ein heller Anzug die Dunkelheit im Schiff. Eine Seele hat die Wunden geheilt und muss im Hafen das Schiff verlassen. Stille, Trauer und Wut, Ratlosigkeit und Verzweiflung heißen die Passagiere willkommen und weisen sie an im Zimmer der Unendlichkeit Platz zu nehmen. Am Steuerrad nimmt der Kapitän der Depressionen Kurs auf das nächste Ziel. Traurige nachdenkliche Musik gespielt von Musikern, die sich hinter Masken verstecken. Der Bordarzt spritzt regelmäßig jedem Passagier neue Verletzungen in die geschundenen Seelen und das Essen ist ein Brei aus Ohnmacht und Angst. Am Horizont türmen sich Eisberge in den nächtlichen Himmel, doch niemand nimmt Notiz davon oder ändert den Kurs. Aus dem Maschinenraum klingen die Maschinen störend in die Nacht. Mit dumpfem Knirschen und Quietschen rammt das Schiff einen Eisberg nach dem anderen.
Kein Mensch läuft zu den Booten und niemand ruft Hilfe, niemand funkt ein SOS. Von allen Seiten dringt Wasser in das Schiff und das eiskalte Wasser legt für einen Moment einen warmen Schleier auf die ertrinkenden Menschen. Mit einem Stöhnen neigt sich das Schiff der Depressionen zur Seite, bevor es vom Meer verschlungen wird. Es sind Schreie zu hören und doch kommt keine Rettung. Tausende Seelen sinken zum Meeresgrund, ohne Anspruch auf Hilfe oder dem Willen zu überleben. Niemand vermisst ein Schiff, was verletzte Seelen transportiert, niemand hört die stummen Schreie und schon am nächsten Abend läuft irgendwo ein Schiff der Depressionen aus mit Tausenden Seelen, die niemand vermisst, mit Tausenden Seelen, die niemand retten kann.

Fotograf und Bildbearbeitung: Kerstin’s Fotokiste
https://www.facebook.com/Kerstins-Fotokiste-12146312152992…/
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasge…/


(12.08.2017 – Depression)

Martina Kilian

Alles, was jemals Bedeutung für mich gehabt hatte, war irgendwann unwichtig geworden. Schleichend hatte sich ein dunkler Schleier über mein Herz gelegt und meine Gefühle betäubt. In meiner Seele herrschte tiefster Winter. Alles, was ich noch empfand, war Gleichgültigkeit und Leere. Meine Zukunftswünsche und Perspektiven waren in weite Ferne gerückt, mein innerer Dämon hatte sie mir geraubt und in seinen klaffenden Schlund gesogen. Verbittert suchte ich nach einem Ausweg, doch ich fand keinen. Weder die wöchentliche Gesprächstherapie noch Yoga oder Psychopharmaka konnten mir helfen. In letzter Zeit fiel es meinen Beinen schwer, mein Gewicht zu tragen. Es kam mir vor, als würden meine Knie beim Laufen nachgeben.
Manchmal verbrachte ich darum ganze Tage in meinem Bett bei heruntergezogenen Jalousien, in vollkommener Stille und Dunkelheit. So fühlte ich mich am wohlsten, sofern man überhaupt noch von Wohlbefinden sprechen konnte. Meine Familie und meine Freunde versicherten mir, sie würden mich verstehen und alles würde wieder gut werden. Doch das entsprach einfach nicht den Tatsachen. Es machte mich wütend, dass die Menschen sich anmaßten zu behaupten, sie könnten mein Leid nachvollziehen oder es gar lindern. Anstatt mir Kraft zu geben, stießen sie mich damit immer weiter ins Unglück. Doch meine Worte waren nichts wert.
Aus mir sprach eine einzige Abnormität, eine Krankheit. Meine Depression. Ich ertrinke in meinem Sumpf, wurde mir klar. Ich würde nie wieder Grund unter den Füßen haben, wenn ich nicht selbst den Entschluss fasste, zu kämpfen. Doch wo sollte ich nur die Kraft hernehmen? Was gab es in meinem Leben, für das es sich gesund zu werden lohnte? Es hatte einst etwas gegeben, doch dieses Lebensziel war in weite Ferne gerückt. Ich zerstörte es mir selbst. Aber vielleicht war es ja doch nicht zu spät dafür? Sollte ich einen letzten Versuch wagen? Zum ersten Mal seit Monaten spürte ich Entschlossenheit und begann am selben Abend, wieder zu schreiben.

Maler: Martina Kilian
Bildbearbeitung: Martina Kilian
Text: Stephanie Pinkowsky


(10.08.2017 – Hinter der Fassade)
(TRIGGERWARNUNG Suizidgedanken)

Jay Rasgón 6

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, kehrte auch die Dunkelheit zurück. Eine quälende Dunkelheit, die sich nicht mit dem Griff zu einem Schalter vertreiben ließ. Markus entledigte sich der Krawatte und des Sakkos und ließ beides achtlos über eine Stuhllehne fallen. Dann trat er zum Spiegel und warf einen flüchtigen Blick hinein. Wie einfach sich die Leute doch von ein paar teuren Kleidungsstücken blenden ließen. Seine Ausstrahlung jedenfalls konnte es nicht sein, die aus ihm den souveränen Geschäftsmann machte, der einen guten Deal nach dem anderen abschloss. Denn wenn er sich betrachtete, sah er eine blasse Gestalt, nur halb von dieser Welt, wie es schien, mit glanzlosen Augen, in denen nur eine Frage geschrieben stand: Wann hört das alles endlich auf?

War es nicht Ironie des Schicksals, dass genau gegenüber seinem Hotelzimmer, ausgerechnet jetzt, ein altes, leer stehendes Haus abgerissen wurde? Der Anblick ließ ein bitteres Lächeln um seine Mundwinkel zucken. Als er gestern hier angekommen war, hatte er immerhin noch einen Teil der alten, auf ihre eigene Weise schicken Fassade sehen können. Jetzt war sie zerstört, lag in Aberhunderten Teilen hinter der Absperrung verstreut und gab endlich den Blick auf das Innere frei. Trümmer, Schmutz und Staub, so weit das Auge reichte.

Wann würde seine Fassade fallen?

Du solltest zu Bett gehen, mahnte ihn seine Vernunft. Wenn er in dieser Stimmung war, machte Nachdenken es nur noch schlimmer. Stattdessen holte er seine kleine Reiseapotheke aus dem Koffer, die etwas andere Reiseapotheke, zugeschnitten auf seine ganz speziellen Bedürfnisse. Und für einen Augenblick, der ihm wie eine Ewigkeit erschien, begann der Gedanke Form anzunehmen. Er war davor, so kurz davor, zum letzten aller Mittel zu greifen. Dann drückte er den Deckel herab, ließ den kleinen metallenen Verschluss zuschnappen.

Nicht heute sagte er sich und war hin und hergerissen zwischen einem Anflug von Erleichterung und Enttäuschung. Noch nicht.

Fotograf und Bildbearbeitung: Jay Rasgón
https://www.facebook.com/Jay.Rasgon/
Text: Patricia Becker
Model: Jay Rasgón


(04.08.2017 – Schwimmen)

Anita Paukner 2

Du kannst nicht schwimmen, fragte mich irgendwann meine Tochter. Meine Antwort war zurecht gelegt und einfach. Doch, natürlich kann ich schwimmen, aber ich gehe nie weit rein. Tatsächlich kann ich schwimmen, nicht gut und nicht weit und am sichersten fühle ich mich wenn ich weiss, dort wo ich schwimme kann ich stehen. Die Erklärung dafür ist einfach zu finden. Als Kinder sind wir baden gewesen und rückwärts immer weiter ins Wasser gehopst, bis zu dem Moment als der Boden weg war. Ich bekam Panik und soff fast ab, eine Klassenkameradin packte mich am Arm und zog mich raus. Damals konnte ich noch nicht schwimmen. Ich lernte es im Erwachsenenalter im Schwimmbad, immer schön am Rand. Jederzeit bereit den Beckenrand zu greifen und Halt zu finden. Vor ein paar Jahren an der Ostsee kamen wir auf die Idee auf die zweite Sandbank zu schwimmen.
Aus heutiger Sicht Blödsinn und eine Folge von Fehleinschätzung und Selbstüberschätzung. Zwischen Ufer und Sandbank fehlte mir der Boden, die Wellen waren nicht ohne und auch diesmal war jemand da und wieder war es eine Frau. Nur diesmal motivierte sie mich langsam zu schwimmen und zu atmen. In diesen Augenblicken merkt man was passiert, wenn einem der Boden fehlt. Im wahren Leben ist es nicht anders, fehlt Dir Boden braucht man jemanden der zugreifen kann oder der einen motiviert. Es gibt viele Menschen in meinem Leben die zugreifen, motivieren, anspornen und mir zeigen wo der Boden ist. Wo ich Halt finde und wie ich schwimmen lerne. Was ich damit sagen möchte, wenn Du schwimmen lernen willst, musst Du ins Wasser gehen. Niemand trägt Dich ins Wasser und sagt schwimm, sondern es muss dein eigener Wille sein, wichtig ist nur, dass jemand da ist der Dich dabei unterstützt.
Danke an alle die mir den Boden zurück geben und mich unterstützen.

Fotograf: Anita Paukner
Bildbearbeitung: Anita Paukner
Text: Daniel Wagner
https://www.facebook.com/tagebuchdervergangenheitwenndasge

2 thoughts on “Artikel

  1. Was für ein toller Blog! Danke für deine Offenheit. Oft sehe ich in deinen Texten wie in einen Spiegel. Das ist genau das, was wir brauchen. Raus aus dem Stigma, denn wir machen uns doch selbst schon genug Vorwürfe. Darum zu kämpfen, das ist etwas, wozu es sich zu leben lohnt. Mach weiter, bitte.

    1. Hallo Frances.
      Danke für Dein Kompliment. Hinter Dirk Ludwigs Projekt „Gib Depressionen ein Gesicht“ steht natürlich ein ganzes Team und sehr viele großartige Menschen stellen uns ihre Texte und Bilder dafür zur Verfügung. Ihnen allen ist es mit zu verdanken, das Gib Depressionen ein Gesicht so besteht, wie es ist. Wir werden uns weiterhin große Mühe geben und viel Herzblut investieren, um unsere Unterstützung zu geben und bei der Entstigmatisierung zu helfen. LG

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