Interview eines Betroffenen

„Interview eines Betroffenen“ von Nya.

01. Welche Form/en der Depression wurde/n bei Dir diagnostiziert?

Depression mit rezidivierenden Episoden von leicht bis schwer (F32.-), inkl. zeitweiser Angst/Panik (keine eigenständige Diagnose), Somatoforme Störung (F 45.9)

02. Mit was für Symptomatiken geht/en sie persönlich bei Dir einher?

Antriebslosigkeit, Gefühllosigkeit, Teilnahmslosigkeit, gedrückte Stimmung, tiefe Traurigkeit, Einsamkeitsgefühl, Einigeln/Rückzug, Schlaflosigkeit und/oder Ein- und Durchschlafstörungen, Früherwachen, Angst, Panikattacken, Appetitlosigkeit oder ständiger Appetit, zeitweise immer wieder Verlust der Libido, teils latente Suizidalität, zeitweise Gehemmtheit in allen Dingen des tgl. Lebens, Schmerzen, die nicht den Ursprung in meinen zusätztl. physischen Erkrankungen haben bzw., die diese Schmerzen noch verstärken, Reizmagen- und Darm (teils auch physische Erkrankungen, wird aber ebenso verstärkt)

03. Wie lange leidest Du bereits an der Erkrankung Depression?

Vermutlich seit der Kindheit, also insgesamt gesehen seit ca. 43 Jahren

04. Was war/en der/die Auslöser für Deine Erkrankung?

In der Kindheit/Jugend Alkoholismus des Vaters und in der Familie und die damit verbundenen Umstände, später kamen hinzu: Mobbing auf der Arbeit und auch teils unschöne und nervenzehrende Beziehungen, sehr viel später einige schwerwiegende physische (körperliche) Erkrankungen, die fortbestehen und gemeinsam mit der psychischen Erkrankung zu langer, derzeit nun dauerhafter Arbeitsunfähigkeit (EM-Rente auf Zeit) führten.

05. Wie lange dauerte es, bis Du für Dich soweit warst, Hilfe aufzusuchen?

4 Jahre

06. Welchen Weg der ersten Hilfe bist Du für Dich gegangen?

Offenes Ohr der Schwester und anderer mir Nahestehender, später: Facharzt für Psychiatrie und Neurologie

07. Besuchst Du in regelmäßigen Abständen eine Psychotherapie, wenn ja welche?

Ja, alle 2 Wochen eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (derzeit als Kurzzeittherapie beantragt, Verlängerung möglich)

08. Was kannst Du positiv für Dich aus dieser Therapie herausziehen und inwiefern hilft sie Dir in Deinem Alltag?

Es hilft mir bei der Selbstreflexion, mich und mein Handeln zu sehen und ich komme schließlich zur Selbsterkenntnis, ich erkenne besser, was „schief“ läuft, wie ich umdenken kann und mich anders verhalten kann. Es gibt Lösungsansätze und auch Denkanstöße.

09. Hast Du auch schon anderweitige Formen der Therapie, ausser die bei Frage 7 genannten für Dich genutzt?

Tagesklinik, Reha´s

10. Wenn ja, für was war/en diese Therapie/n speziell und inwiefern hilft es Dir seitdem im Alltag?

Tagesklinik: psychiatrischer Schwerpunkt mit Ergotherapie, DBT-Gruppe, Einzelpsychotherapie, Gesprächsgruppe, Med. Trainingstherapie (Sport), PMR – guter Erfolg, man lernt sich wieder in einen geregelten Alltag einzugliedern und profitiert von den vielen Therapieangeboten, zeitweise ist es eine Gratwanderung, denn man muss auch Zuhause abends noch alles geregelt bekommen.
Reha´s: psychosomatischer Schwerpunkt, Mischung aus allen Therapieformen (phys./psych.) Einzelpsychotherapie, Gesprächsgruppe, Schmerz-Gruppe. Mit dem Vorteil, dass man sich die Zeit nehmen kann, sich nur auf sich zu konzentrieren ohne den üblichen Alltag – guter Erfolg, anstrengend, gleichzeitig sehr lohnenswert, führte für mich zu mehr Selbsterkenntnis und ich konnte Dinge anders angehen, dennoch „nach der Reha ist vor der Reha“, der normale Alltag stürzt auf einen herein und ist nur schwer zu bewältigen direkt danach. Ergotherapie – z. B. Basteln, handwerkl. Arbeiten, Zeichnen, etc. – ganz guter Erfolg, denn auch dies entspannt und gibt einem ein gutes Gefühl, im Alltag kommt es aber meist zu kurz. PMR – Entspannungsübungen durch abwechselnde Muskelan- und entspannung – mäßiger Erfolg. Sport – med. Trainingstherapie, Schwimmen powert aus. Im Alltag für mich schwer einhaltbar auf Grund der häufigen Antriebslosigkeit und der Bewältigung des üblichen Alltags. Ohrakupunktur – Soll helfen zu entspannen und besser schlafen zu können – kein Erfolg. Sport – med. Trainingstherapie, Schwimmen powert aus, im Alltag für mich schwer einhaltbar auf Grund der häufigen Antriebslosigkeit und der Bewältigung des üblichen Alltags. Ohrakupunktur: Soll helfen zu entspannen und besser schlafen zu können – kein Erfolg.

11. Wie gehst Du mit Deiner Depression heute um und inwiefern hast du sie für Dich persönlich akzeptiert?

Sie ist ein Teil von mir, gehört dazu, eine Seite von vielen von meinem „Buch“, sie wird nicht verschwinden, es wird immer wieder Zeiten geben, in denen es keine Episode gibt und auch immer wieder leichte, mittlere oder schwere Episoden, sie bleiben nicht, sie gehen auch wieder! Gleichzeitig macht sie feinfühliger, empathischer, ja auch verletzlicher vielleicht, und doch bin das eben auch ich, ich reduziere mich nicht mehr auf die Erkrankung oder schäme mich ihrer. Im Freundeskreis gehe ich damit offen um, wer mich nicht akzeptieren/respektieren kann, wie ich bin, so wie ich es bei ihm tue, der ist es schlicht nicht wert. Ich lebe damit und mittlerweile meistens ganz gut, über die Jahre habe ich mehr und mehr gelernt mit mir selbst anders umzugehen, wenn es mal wieder „schlimm“ wird. Sicher gibt es Tage, an denen ich nicht aus meiner Haut kann, gleichzeitig berappele ich mich heutzutage schneller, helfe mir selbst schneller wieder hoch. Ich vermeide unangenehme Situationen nur noch selten im Gegensatz zu früher, sondern versuche sie zu bewältigen.

12. Was tust Du für Dich selber privat im Alltag, damit es Dir besser geht oder was hilft Dir positiv in deiner Depression?

Meine Wohnung als eine Art „Wohlfühloase“ für mich gestalten, die Atmosphäre mit Kerzen, guter Musik, Duftlampe und Kuscheldecke angenehm machen, Gespräche mit Menschen, die mir nahe stehen, mein Therapeut, Texte schreiben, Zeichnen, ab und an Basteln, mir Wind um die Nase wehen lassen an meinen Lieblingsorten, mir selbst immer wieder was Gutes tun (heißes Bad, ausgedehnte Körperpflege) – klappt nicht täglich, aber besser als früher, mit dem Freund kuscheln, meine Katzen in der Nähe haben, „zocken“, obwohl man aufpassen muss, dass es nicht ausufert und man sich im Spiel verliert, Engagement im Tierschutz. Mir bewusst machen, was alles positiv war, denn an jeder negativen Situation findet man oft auch etwas Positives, man blendet es nur allzu gern aus.

13. Was für Möglichkeiten nutzt Du eventuell sonst noch für Dich?

Nein

14. Hast Du Skills, welche Dir im Notfall bei zu hohem Druck, sehr großer Angst, Panikattacken etc. helfen und wenn ja, was sind Deine persönlichen Skills, damit es Dir wieder etwas besser geht?

Atemübungen, sich auf Geräusche oder Gerüche oder Ertasten konzentrieren (bewusste Wahrnehmung und anderes ausblenden), Notfalltelefonnummern (Freund, Schwester, Therapeut, Arzt) parat haben, um zu reden

15. Welche Hilfen stellte Dir das Gesundheitssystem zur Verfügung?

Facharzt, Psychotherapie

16. Welche Anträge hast Du, bedingt durch Deine Depression stellen müssen, für was sind sie und wo hast Du diese jeweils beantragt?

Krankenkasse – Zuzahlungsbefreiung chron. Erkrankung anerkannt, Reha-Anträge – Rentenversicherungsträger, Anamnesefragebögen – Reha-Klinik, Aufnahmeformulare – Tageskliniken, Antrag IRENA – Nachsorgegruppe, (nach Reha) – Rentenversicherungsträger, ALG II-Anträge – Jobcenter, ALG I-Anträge – Bundesagentur f. Arbeit, EM-Rentenantrag – Rentenversicherungsträger (auch bedingt durch phys. Erkrankungen), Zusatzrentenantrag – priv. Vorsorge, Antrag auf Anerkennung eines Grades der Behinderung und Erhöhungsanträge – Landesamt für Jugend, Soziales und Familie, Antrag auf APP (ambulante psych. Pflege) – Krankenkasse, Antrag auf amb. Pflege für schwerb. Menschen (nach APP) – Sozialamt des Landkreises

17. Falls Du aus der Depression herausgekommen bist, welche Umstände haben dazu beigetragen und welche positiven Erkenntnisse hast Du für Dich daraus mitnehmen können?

Es gibt beschwerdefreie Zeiten, eine komplette Ausheilung ist bei mir persönlich kaum möglich.

18. Was würdest Du gerne als Betroffener einem Menschen positiv mit an die Hand geben, der gerade erst an Depressionen erkrankt ist oder in einer negativen Gedankenspirale steckt?

Es geht immer weiter, eine erneute Episode ist nicht gleich der Weltuntergang, du bist nicht allein! Für mich persönlich geht es immer wieder aufwärts, es gibt Menschen und Institutionen, die mir bei einem erneuten Krankheitsfall helfend zur Seite stehen, gehen lernen musste ich allerdings allein, das kann und sollte einem keiner abnehmen. Kurzum, das Leben ist nach wie vor lebenswert und es gibt immer noch genug schöne Dinge/Situationen, Menschen und Tiere im Leben, die es dazu machen, inkl. meiner eigenen Person, denn ich bin mal so gesagt „meines Glückes Schmied“ und nicht andere. Ich muss mir wichtig sein und willens sein, etwas zu ändern. Es kommt nicht darauf an, andere zu beeindrucken, zu tun, was andere für richtig halten, ich bin nicht auf dieser Welt nur um anderen zu gefallen, ich muss vor allem mir „gefallen“.

Wir bedanken uns recht herzlich bei Nya für die Teilnahme.

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